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Archive for the ‘Migration/Integration’ Category

„Wir haben nichts mehr mit den Nazis zu tun!“

artNeulich in einem obersteirischen Wirtshaus: Ein junger Mann, nicht weit über 20 Jahre alt, erzählt, man solle die „Österreicher“ doch einmal mit den Nazis in Ruhe lassen. All das liege schon eine Ewigkeit zurück und „wir“ hätten damit überhaupt nichts mehr zu tun. Soweit die Stellungnahme zu den Vorkommnissen in Ebensee und der EU-Wahlkampagne der FPÖ.

Kurze Zeit später dreht sich das Gespräch um AsylwerberInnen. Die Stellungnahme desselben jungen Herren: Wenn es nach ihm ginge, würde dieses Gesindel in einen Zug gesteckt, der Zug zuplombiert und ab damit.

Jemand, der sich absolut sicher ist, nichts mehr mit der Zeit seiner Großväter und Großmütter zu tun zu haben, fordert wenig später die Deportation einer Menschengruppe, deren wesentliches Verbrechen darin liegt, nicht „wir“ zu sein, in Zügen. Ein bekanntes Bild. Wohin sagt er nicht.

Das Problem hier ist die Ausgangslage, die Frage: „Was ist der Nationalsozialismus?“. Die Antwort darauf scheint in den Köpfen wie oben zu sein: Ein KZ-System, Gleichschaltung der Presse, Verbot der freien Meinungsäußerung, systematischer Massenmord sowohl industriell als auch kriegerisch.

Diese Dinge sind jedoch nicht der Nationalsozialismus. Diese Dinge sind die Konsequenz des Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus ist vielmehr ein Denksystem, eine Geisteshaltung, eine Kultur der Überhöhung und Unterwerfung. Diese Kultur konnte in vielen Belangen auf eine Jahrtausendelange Tradition zurückgreifen, die tief im Innersten der Gesellschaft wirkt. Und diese jahrtausendelangen Denkmuster sollten nun mit der gewaltsamen Befreiung durch die Alliierten einfach verschwunden sein. Tausend Jahre ausgelöscht in sechzig?

Die Frage ist nun, welche Denkstrukturen das sind. Wenn man es auf die wesentlichen Elemente herunterbricht, kann eine Reihe von Voraussetzungen festgemacht werden, ohne die der Nationalsozialismus nicht funktioniert hätte. Dieses Denksystem könnte so  in Gegensatzpaaren gegliedert werden:

Alleinherrschaft der höchstwertigen arischen Rasse Demokratie = Herrschaft der Minderwertigen
des höchstwertigen Geschlechts Frauen
Echte Männlichkeit Weiblichkeit, Judentum
Starke Krieger Schwache Pazifisten
Sozialismus á la Fichte Feminismus, Marxismus
Subjekt Objekt
Mensch Untermensch, Materie
Sexuelle Reinheit Lüsternheit, Schmutz
Idealismus Materialismus
Genie Kein Genie, Dummheit
Etwas Nichts

Aber der wesentliche Punkt ist die Diskriminierung von „Anderen“, gegenüber denen man sich selbst definiert. Und diese Diskriminierungen spielen ineinander. Rassismus ist weder von Antisemitismus noch von Sexismus zu trennen.

So war der Antisemitismus des NS-Regimes etwa an einer Geschlechterhierarchie ausgerichtet. Juden wurden als verweiblichte Männer dargestellt und Jüdinnen je nach bedarf als maskulinisiert bzw. schön und verführerisch (den harten, stählernen Mann brechend). Vom männlichen Soldaten ausgehend wurde die Welt in Minderwertigkeiten kategorisiert, die von diesem Ideal abwichen bzw. als abweichend konstruiert wurden. Die Jahrtausende alte Einteilung der Geschlechter wurde als Verbildlichung der antisemitischen Theorien genutzt, die allgemein verstanden wurde und so als Katalysator funktionieren konnte, um den aggressiven Antisemitismus zu verbreiten. Dass der Nationalsozialismus diese Stärke und Anziehungskraft erlangen konnte ist nur durch ein Ineinanderspielen und gegenseitigen Verstärken der verschiedenen Diskriminierungsformen erklärbar. Ein System, das in Höherwertig und Minderwertig einteilt.

Die Nationalsozialisten verstanden das Spiel mit Ressentiments und benutzten die Vorurteile und den kulturell gewachsenen Hass der Menschen um ihr Terrorregime zu errichten. Wenn man sich die gegenwärtige Situation ansieht, in der wieder der Hass auf Minderheiten  (vor allem AsylwerberInnen) geschürt wird, um politisches Kleingeld daraus zu schlagen, begreift man, wie gefährlich diese Situation ist. Offenbar ist für dieses Spiel noch immer ein Großteil der Bevölkerung gewinnbar (denn nicht nur die FPÖ spielt auf diesem Klavier).

Solange eine Kultur den Antisemitismus, Sexismus oder Rassismus nicht überwunden hat, bleibt der Nationalsozialismus als historische Möglichkeit bestehen. Und seien wir uns ehrlich: welchen dieser Punkte haben wir hinter uns gelassen? dhpyv9jcbt

Vom Gespenst des Abendlands und warum es wieder verstärkt auf die politische Agenda rückt

Warum wird in einer Zeit in der sich immer mehr Menschen (zumindest in Westeuropa) von den christlich geprägten Kirchen abwenden, weil Sie ihr Heil im Diesseits oder in einer Vielzahl an Ersatzreligion suchen, das ideelle Konzept des christlichen Abendlandes als vorwiegend politisch motiviertes Konstrukt wieder entdeckt? Nicht von ungefähr passiert dies im Kontext von Einwanderungs- und Integrationsdebatten, wodurch das Schlagwort schnell zur Disktinktionskategorie zwischen einem angeblich nach wie vor christlich geprägten Westen und vorwiegend muslimischen ZuwanderInnern wird („Abendland vs. Morgenland“).

Ein kurzer Abriss zur Ideengeschichte des christlichen Abendlandes

Man muss schon zurück ins frühe Mittelalter blicken um jene Referenzpunkte zu finden, die auch gegenwärtige Debatten über das Christentum in Europa immer wieder mit einschließen. Ausgangspunkt dieser kurzen Rückschau ist Rom.

Der Ambrosius-Schüler Augustinus verfasste zu Beginn des 5. Jhdts. n. Ch. mit De Civitate Dei (Vom Gottesstaat) eines der Hauptwerke des frühen Christentums. Darin macht er deutlich, dass Rom, als die „ewige Stadt antik-christlichen Geistes“ ein Bollwerk gegen die Umtreibe des irdischen Staates und des „Reichs des Bösen“ sein müsse und festigte damit auch den Anspruch des frühen Papsttums, Rom als Zentrum des Christentums festzuschreiben (vgl. Schreiber, 1996). Rom wird zur Machtzentrale des christlichen Reichs, doch erst die identitätsstiftende Abgrenzung zu anderen Reichen/Religionen etc. beförderte die Idee des christlichen Abendlandes. Ganz zentrale Ereignisse sind hierbei die Kreuzzüge, beginnend im Jahr 1095 mit der blutigen Rückeroberung Palästinas. Ein Ereignis, dessen Nachhaltigkeit auch darin begründet liegt, dass es ein stärkeres Zusammenrücken des vormals zersplitterten Islams beförderte.

Vor allem die Kreuzzüge machten dabei deutlich, dass die Grenze zwischen „Abendland und Morgenland“ keine geografische war, sondern vielmehr auf der Abgrenzung zu einem „kulturell-religiös“ Anderen basierte.

Rechte Propaganda: Christliche Leitkultur und Neuer Rassismus

Gerade diese Abgrenzung macht sich gegenwärtig wieder in Form einer politischen Strategie bemerkbar und ist ein ganz zentraler Aspekt eines neuen Rassismus (Rassismus ohne Rassen/kultureller Rassismus), nicht zuletzt deshalb weil Religionen/Kulturen dabei als abgeschlossene Einheiten (Entitäten) begriffen werden und über die Konstruktion des Anderen als Gegensatz zum Selbst, neue Formen des Ausschlusses produziert werden.

Der inflationär gebrauchte Begriff des „Kulturkreises“ macht dies auch unmissverständlich deutlich. Seine Renaissance erlebte er mit Samuel P. Huntingtons „Clash of Civilizations“ und wird mittlerweile in allen möglichen Zusammenhängen meist unreflektiert verwendet. Der Völkerkunde des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts entlehnt (Kulturkreislehre), bezeichnete der Begriff ursprünglich ein Kategoriensystem zur Bewertung und Einteilung von Rassen (sic!).

Das biologische Element von Rasse (sic!) spielt heute kaum noch eine Bedeutung – rassistische Konstruktionen des Fremden/Anderen bleiben jedoch bestehen und wirken weiter.

Die ursprüngliche Volksgemeinschaft wurde zu einer kulturell-religiösen Wertegemeinschaft und von konservativer Seite bis hin zu rechtsextremen Gruppierungen wird das „Christliche Abendland“ dabei als politische Kategorie und besonders von letzterer Gruppe auch als Kampfbegriff verwendet. Der Bogen reicht dabei von Konzepten einer deutschen/europäischen Leitkultur bis hin zu bizarren Forderungen wie „Abendland in Christenhand“. (siehe dazu auch weiterführend: Eine Begegnung mit Zizek- Zur Repolitisierung des Multikulturalismus)

Vom Austro-Rapper zum Kreuzritter

Vor allem für die rechte Propaganda sind Symbole von außerordentlicher Bedeutung und so verwundert es auch nicht, dass gerade Moscheen und ein Stück Stoff als Ausdruck einer Bedrohung (Stichwort: Islamisierung) inszeniert werden.

Soweit wie FPÖ Chef Strache ging jedoch bis dato kaum einer der Spitzenpolitiker der europäischen Rechten. Er inszenierte sich kürzlich auf einer Demonstration der von der FPÖ finanziell unterstützten rechten Bürgerinitiative Dammstraße (www.moschee-ad.at) mit einem hölzernen Kreuz in der Hand und machte den TeilnehmerInnen (darunter zahlreiche bekannte Neonazis, Skinheads etc.) unmissverständlich deutlich, dass eine „Islamisierung Europas“ und damit der Untergang des Christlichen Abendlandes um jeden Preis verhindert werden müsse.

Die Symbolik des Kreuzes dient hier natürlich auch dazu, auf die „Türkenbelagerungen“ Wiens zu verweisen. Strache inszeniert seine Diagnose gegenwärtiger Entwicklungen als politisch-ideologisches Spiel mit vagen historischen Referenzen, das Kreuz dient dabei nicht als Symbol des Friedens, sondern als Ausdruck einer christlichen Hegemonie über den geografischen und kulturellen Raum Europas- im speziellen Österreichs. Ungeachtet historischer Begebenheiten wird das Kreuz so zum Signifikat der Abwehr des Fremden/der Türken/der Muslime.

Die Krönung dieser obskuren Inszenierung – und nur in dieser Hinsicht bin ich dem Boulevard à la Österreich dankbar – war das Bekanntwerden der kurz bevorstehenden Firmung Straches, die er in Jugendjahren verabsäumt hatte. Ob die Feier danach ähnlich „zünftig“ wie in Karl Valentins und Liesl Karlstadts meisterlicher Groteske „Der Firmling“[1] von statten ging, blieb bislang unbekannt. Der Boulevard wird uns sicher darüber informieren.

Man könnte diese Firmung oder zumindest das (gewollte) publik werden dieses Initiationsritus als grob vorsätzlich bezeichnen, es passt einfach zu gut in die Strategie der FPÖ das Christentum als Bollwerk gegen die gefürchtete „Islamisierung“ auf die politische Agenda zu bringen. Zuerst kam Ha d’ che als Versuch einer Ikone rechter Jugend(pop)kultur (inklusive haarsträubender Gehversuche im Austro-Rap) danach ein „arisch anmutender“ blau gekleideter Superman-Verschnitt im hetzerischen Comic „Der blaue Planet“ und nun Strache als Kreuzritter im Kampf ums christliche Abendland. Damit spannt er perfekt den Bogen von desillusionierten Jugendlichen die sich von der Politik klare und vor allem einfache Antworten auf ihre Problemlagen (z.B. die hohe Jugendarbeitslosigkeit) erwarten, bis hin zu manch altersgreisen KatholikInnen, deren Autoritarismus nicht selten mit übersteigertem Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit einhergeht („Pummerin statt Muezzin“). Erstmals platzte auch einigen hohen Repräsentanten der katholischen Kirche Österreichs das Kollar (Erzbischof Schönborn: Das Kreuz als „Zeichen der Versöhnung und der Feindesliebe“ dürfe nicht als „Kampfsymbol gegen andere Religionen“ verwendet werden) und einige Vertreter der Regierungsparteien sowie der Bundespräsident kritisierten Strache in bislang unbekannter Schärfe. Man kann nur hoffen, dass diese Kritik nicht verstummt, denn wie Michael Frank in der Süddeutschen zurecht anmerkt, speist sich „der Erfolg der populistischen Rechtsausleger (…) auch aus der Feigheit ihrer Gegner.“

Weitere Schritte müssen folgen. Ganz zentral wäre dabei auch das Einverständnis darüber, dass Österreich ein Einwanderungsland ist – ein empirisch längst gefestigter Befund – sowie ein Grundkonsens darüber, dass nahezu jede moderne Gesellschaft sich aus unterschiedlichsten Identitäten und Zugehörigkeiten speist, wodurch auch jedes nationale wie auch supranationale Gebilde keinesfalls als religiös-kulturell abgeschlossene Einheit festgeschrieben werden kann.

Und nicht zuletzt sind auch all jene gefordert, die qua ihrer Überzeugung als Atheisten oder Agnostiker es nicht mehr hinnehmen wollen, dass reaktionäre politische Tendenzen mehr und mehr von christlicher Rhetorik und Symbolik durchdrungen werden.


[1] http://www.youtube.com/view_play_list?p=435569AAF8E400FC&playnext=1&playnext_from=PL

Eine Begegnung mit Žižek- Zur Repolitisierung des Multikulturalismus

Juni 7, 2009 1 Kommentar

Ich muss ja gestehen, dass ich aus vielerlei Gründen Zizeks Schriften bislang eher ausgewichen bin. Ein gewichtiges Argument dabei war, dass Zizek in Anlehnung, bzw. Auseinandersetzung mit Lacan einen sehr psychoanalytischen Zugang zu gesellschaftlichen Fragestellungen hat. Dies vermittelte mir den Eindruck Lacan selbst lesen zu müssen um einen adäquaten Zugang zu Zizek zu finden, was bei Autoren wie Fanon oder Stuart Hall nicht unbedingt notwendig war und somit eine Junius Einführung zu Lacan genügte, um im Bereich Postcolonial Studies Fuß zu fassen.

Nun bin ich jedoch auf das kleine Buch „Ein Plädoyer für die Intoleranz“ gestoßen und habe es, trotz gewisser Vorbehalte gelesen. Auch wenn ich ihm in einigen Punkten deutlich widersprechen möchte, liefert er darin doch auch Argumente, welche ich hier im Kontext aktueller Debatten erläutern möchte.

Ein zentraler Satz findet sich bereits in der Einleitung: „Was, wenn die vorherrschende Form der multikulturellen Toleranz gar nicht so unschuldig wäre, wie sie sich gibt, insoweit sie nämlich die Entpolitisierung der Ökonomie stillschweigend akzeptiert hat? (Zizek, 1998:13)

Hierzu muss kurz ausgeholt werden. Der Text stammt aus dem Jahr 1998, wurde also vor 9/11 und den seit diesem Zeitpunkt verstärkt einhergehenden „kulturellen Spannungen“ geschrieben und ist gerade damit eigentlich schon wieder überholt, ganz einfach deshalb, weil die „multikulturelle Toleranz“ wie Zizek sie nennt, heute eher einer „kulturellen Intoleranz“ gewichen ist. Integration ist der Deckmantel aktueller politischer Diskurse, meist wird jedoch eine Assimilation von Menschen mit einem „anderem kulturellen Hintergrund“ gefordert- Gesinnungstests und die unsägliche Leitkulturdebatte machen dies sehr deutlich. Insofern könnte man behaupten, dass das Plädoyer für die Intoleranz heute durchaus verwirklicht wurde, jedoch in einer eindeutig nationalistischen und rückwärtsgewandten Form und keineswegs zum Zwecke einer verstärkten Repolitisierung der öffentlichen Sphäre. Um mit Rancière zu sprechen gilt in diesem Zusammenhang also eher ein weniger an „Politik“ und ein mehr an „Polizei“.

Somit ist der erste Eindruck des Buches im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen vorrangig des Titels wegen eigentlich ein ziemlich reaktionärer, werden wir doch heute davon überschwemmt von rechten als auch liberalen Apologeten, welche vor einer „falschen Toleranz“ gegenüber den „kulturell Anderen“ warnen. Zizek ist jedoch mitnichten ein Fürsprecher eines reaktionären Eurozentrismus.

Er versucht vielmehr den „Multikulturalismus“ von links einer Kritik zu unterziehen, und dabei der seines Erachtens mehr als problematischen postmodernen Identitätspolitik, eine an Rancière angelehnte „Geste der Politisierung“ gegenüberzustellen, die in einer Art Kurzschluss zwischen dem Partikularen und dem Universellen ausgemacht werden soll (ebd.28).

Multikulturalisten, so Zizek verbleiben auf der Ebene des Partikularen, sie kämpfen für die Rechte von Gruppen und Untergruppen und betreiben damit eine Ethnisierung bzw. Kulturalisierung der Politik, ohne jedoch eine metaphorische Universalisierung ebendieser partikularen Forderungen zu betreiben (ebd. 48).

Ein Beispiel: Kürzlich gab es in Österreich den so genannten Fall Arigona. Dabei ging es um ein „integriertes“, also in Österreich bestens sozialisiertes Mädchen, welches mitsamt ihrer Familie die Abschiebung in den Kosovo drohte, weil sie in Österreich keine Aufenthaltsgenehmigung hatte. Sie tauchte unter und hinterließ Videobotschaften, in welchen sie deutlich machte, dass sie bis ans Letzte gehen würde um dieser Abschiebung zu entgehen. Sie erfuhr, wie man heute weiß eine für österreichische Verhältnisse durchaus beachtliche Unterstützung von Freunden und Nachbarn, welche für ihren Verbleib in Österreich demonstrierten und ihr sogar Unterschlupf gewährten. Der Großteil österreichischer Medien inszenierte diesen Fall, dessen grundsätzliche Problematik in einem inhumanen Fremdenrechtspaket liegt, unter dem Aspekt des Bleiberechts für die Familie Arigonas. Damit blieb man auf einer partikularen Ebene verhaftet. Man separierte diesen speziellen Fall und trennte ihn von der grundsätzlichen Problematik jener Staatenlosen, welche tagtäglich befürchten müssen, trotz jahrelangen Aufenthalts in Österreich abgeschoben zu werden. Eine metaphorische Universalisierung dieser Problematik müsste zudem auf die „Festung Europa“ rekurrieren um diese spezielle Ungerechtigkeit, als eine allgemeine Ungerechtigkeit darzustellen, die eben darin liegt, dass Europa immer stärker zu einem exklusiven Staatenbund wird, wobei rein nach kapitalistischen Überlegungen Zuwanderung reguliert werden soll. Es gab durchaus Ansätze diesen speziellen Fall zu überhöhen, es kam jedoch aufgrund vielerlei Gründe zu keiner Einbindung in die allgemeine Ungerechtigkeit, u.A. auch deshalb, weil sich bis auf die Grünen alle Parlamentsparteien dagegen wehrten, wegen „einiger weniger Fälle“ das gesamte Fremdenrechtspaket neu zu überdenken.

Die Simplifizierung der multikulturellen Frage

Um damit wieder zurück zu Zizek zu kommen, bzw. Rancière liegt die Strategie der Postpolitik also gerade in der Entwertung des Politischen selbst, indem sie einen Konsens im Partikularen sucht, strukturelle Ursachen jedoch nahezu komplett ausblendet. In dieser Hinsicht stimme ich Zizek durchaus zu. Das ist mit Sicherheit ein Problem eines Teils der Neuen Linken, als auch von VertreterInnen eines liberalen Multikulturalismus, doch wie lässt sich die Differenz zwischen Partikularismus und Universalismus durchbrechen?

Dadurch, dass man sie nicht als Differenz, sondern vielmehr als Spannungsverhältnis begreift, welche vielen politischen Kämpfen eingeschrieben ist, als „Kurzschluss“, wie Zizek dieses Verhältnis selbst bezeichnet? Doch dieser Ausverhandlung widmet er sich nicht, und verlässt damit das Feld der sachlichen Argumentation und wendet sich in einer mit philosophischer Begrifflichkeit unterfütterten Polemik gegen „die Multikulturalisten“.

Mein größtes Problem mit diesem Buch besteht dabei darin, dass er den Begriff Multikulturalismus meist als ein Singular gebraucht und sich in keinem Punkt differenzierter mit dessen „diskursiven Verknotungen“ auseinandersetzt. Er kritisiert eine Form von „liberalem Multikulturalismus“ stülpt diese Form, jedoch auch all jenen über, die in ihrer politischen als auch theoretischen Arbeit in eine völlig andere Richtung gehen. Seine Kritik der „neuen Mitte“ (ebd. 36) wird so zu einer Verallgemeinerung auch all jener sozialen Bewegungen, deren Arbeit nicht vorrangig gegen den „einzig wahren Feind“, nämlich des globalen Kapitalismus, wie Zizek nicht müde wird zu betonen, gerichtet ist.  Ist Zizeks Anliegen also eine Rückkehr zu einem ökonomistischen Marxismus und „der Multikulturalismus“ dabei im Wege die „wahren Probleme“ heutiger Gesellschaften zu unterminieren, indem er sie partikularisiert? Der Verdacht drängt sich zumindest auf.

Anstelle sich also der zentralen Frage zu widmen, wie sich kulturelle Differenzen emanzipatorisch denken lassen, gibt er sich mit einem Plädoyer der Intoleranz gegenüber falscher multikultureller Toleranz zufrieden.

Zizek geht jedoch weiter, indem er „den Multikulturalismus“ als eine Form des Rassismus und als die Ideologie des globalen Kapitalismus bezeichnet. (ebd. 70f).

„Mit anderen Worten ist Multikulturalismus also eine verleugnete, verkehrte, selbstreferentielle Form des Rassismus ein ‚Rassismus der Abstand hält’ er ‚respektiert’ die Identität des Anderen, begreift das Andere als eine in sich geschlossene ‚authentische’ Gemeinschaft, zu  der er der Multikulturalist einen Abstand einnimmt, was seine privilegierte universelle Position belegt.“

Er fixiert also den umkämpften Begriff „Multikulturalismus“ auf eine einzige Bedeutung, nämlich jene von in sich geschlossenen kulturellen Gemeinschaften. Damit überträgt er die von Herder geprägte Vorstellung von Kulturen als „organische Einheiten“, Kulturen als quasi identitäre Bezugsysteme, welche nach außen abgrenzbar sind, auf die Gegenwart um diese Auslegung „den Multikulturalisten“ völlig undifferenziert vorzuwerfen. Die in der Tat aus heutiger Sicht überaus problematische Exotisierung von „fremden Kulturen“ durch Herder bezeichnet jedoch höchstens das, was heute landläufig unter „Boutique-Multikulturalismus“ (Fish, 1997) oder in seiner politisierten Form als „konservativer Multikulturalismus“ verstanden wird und es missachtet gerade jene Bestrebungen, die längst über rein partikulare Identitätspolitik hinausgehen.

Kein Wort Zizeks also zu jenen Formen eines kritischen Multikulturalismus welcher die Annahme, dass Kulturen eindeutig voneinander abgrenzbar sind dezidiert verneint und soziale und ökonomische Unterschiede stärker reflektiert. Das gesamte Werk Stuart Halls wendet sich ebenso gegen eine Essentialisierung von „kultureller Differenz“, und weist auf die vielen Segregationslinien hin, welche unterschiedliche sich ständig im identitären Wandel befindliche kulturelle communities heute ausgesetzt sind.

Es sollte also deutlich werden, dass Zizek damit großen Teilen der Linken eine Naivität, ja einen Rassismus vorwirft, der darin liegen sollte, dass diese ja selbst alles Eurozentristen sind, welche die „Anderen“ so betrachten wie der imperialistische Kolonialist die Kolonialisierten, nämlich als exotische Eingeborene, deren Lokalkultur studiert und respektiert werden sollte (Zizek, 1997:70). Seine Argumentation zielt dabei in dieselbe Richtung, wie jene André Taguieffs, der ebenso darauf zu beharren scheint, dass „kulturelle Differenzen“ ausschließlich essentialistisch aufgefasst werde können und damit ihrer Logik nach dem entsprechen, was man unter Apartheid subsumieren könnte.

Ein kritischer Multikulturalismus?

Dass Taguieffs und Zizeks Annahmen ihre Berechtigung haben steht außer Frage, nur ihre Kritik verfehlt die wahren Adressaten. Trifft es heute nicht gerade auf konservative Diskurse (man denke an Huntington, und die gesamte heutige Kulturkriegsrhetorik) zu, dass Kulturen als abgeschlossene Entitäten (Kulturkreise) begriffen werden, wodurch es angeblich immer stärker zu Konflikten an den Bruchstellen ebendieser Zivilisationen kommt. War nicht die Leitkulturdebatte in Deutschland ein deutlicher Hinweis dafür, dass es gerade die „Rechten“ sind, die eben aufgrund der Essentialisierung von kulturellen Unterschieden, eine Assimilationspolitik betreiben? Warum verbietet Bayern nur das Kopftuch, und lässt christliche und jüdische Symbolik in Schulen weiter zu, während im laizistischen Frankreich alle religiösen Symbole aus öffentlichen Einrichtungen verbannt wurden? Die Argumentation lautet wie folgt:

„Im Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz wird es muslimischen Lehrerinnen untersagt, an den öffentlichen Schulen in Bayern ein Kopftuch im Unterricht zu tragen. Die christlichen und jüdischen Glaubenssymbole werden von der Neuregelung nicht erfasst. Zum einen spiegeln sie die christlich-abendländischen Kulturwerte wider. Zum anderen bekennen sich die christlichen Kirchen und jüdischen Gemeinden vorbehaltlos zu unserer Verfassung.“

(Beckstein, 2004:22)

Die eigene „kulturelle Einheit“ wird als gefährdet betrachtet, weil sie mit einem Symbol konfrontiert wird, das nicht der imaginierten deutschen Nation, sprich Kultur entspricht. Natürlich schwingen in Becksteins Aussagen auch jene Stereotype mit, die seit 9/11 so populär sind und immer stärker veranschaulichen, dass heute kaum noch differenziert wird, wenn es darum geht europäische Werte gegenüber den „kulturell Anderen“ zu verteidigen. Paradoxerweise ist es gerade das konservative Lager, dass sich gegenwärtig auf Frauenrechte beruft um ihre Politik gegenüber Muslimen zu legitimieren.

Die Prophezeiungen  vom „Untergang des Abendlandes“, und die Furcht vor einer „Islamisierung Europas“ stehen heute aufgrund einer kleinen extremistischen Gruppe von verwirrten Glaubenskriegern auf der Tagesordnung, so als würde religiöser Fundamentalismus organisch schon im Islam und somit in allen Muslimen selbst angelegt sein.

Natürlich trifft Zizeks Kritik in diesem aktuellen Kontext auch auf viele liberale Geister zu, welche die Errungenschaften der Aufklärungen hochhalten wollen und dabei oft übersehen, dass eine zentrale Forderung der Aufklärung die Toleranz gegenüber allen Religionen war.

Denn aktuelle politische Entwicklungen zielen ja gerade darauf den Islam als geschlossene Gemeinschaft darzustellen, was dazu führt ein jahrzehnetlang relativ unschuldiges Symbol wie das Kopftuch dahingehend zu politisieren, indem man es wie die liberale Feministin Alice Schwarzer zur „Flagge des Islamismus“ erklärt. [1] So sieht das „Plädoyer für die Intoleranz“ à la Emma aus, im Namen der Befreiung von unterdrückten Frauen. Natürlich denkt Schwarzer an die islamische Revolution im Iran und an den Slogan „Der Schleier ist unsere Fahne“ nur vergisst sie, dass dieses Ereignis nicht einfach auf die Situation multikultureller westlicher Metropolen von heute übertragbar ist. Um nicht falsch verstanden zu werden- es geht mir nicht um die Verteidigung des Kopftuchs, es geht mir schlicht darum, zu zeigen dass ausgehend von eindimensionalen Erklärungsansätzen, eine Politik des entweder – oder begründet wird, ohne sich näher und natürlich unter Einschluss der „Betroffenen“ selbst, mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Dieser kurze Exkurs sollte nur verdeutlichen, dass Zizeks Kritik an reiner Identitätspolitik an sich völlig nachvollziehbar und auch richtig ist, dass es jedoch heute gerade die Rechten sind (mittlerweile auch Teile der Mitte), welche sich dieser Form von Politik verschrieben haben.

Vielleicht scheint es also in Zeiten des Assimilationszwanges angebracht, die multikulturelle Frage wieder stärker zu politisieren, und in einen Streit über neue Möglichkeiten einzutreten, kulturelle Differenz in konkreten kapitalistischen Praktiken zu rekontextualisieren. Eine völlige Aufgabe von Identitätspolitik, würde das Feld der politischen Repräsentation jedoch Jenen überlassen, welche (reine) Identität vorrangig als eine nationalstaatliche begreifen um damit ihre Politik des Ausschlusses zu legitimieren.

Dabei sollte auch deutlich werden, dass die Frage der Identifikation immer neu gestellt werden muss, es als keine stabilen, sondern ausschließlich hybride Identitäten gibt und dies in einer durchaus universalistischen Form. An diesem Punkt setzt auch das Konzept des kritischen Multikulturalismus an.

Wie Amartya Sen in Die Zeit [2] anmerkt, muss dabei der freiheitsorientierte Aspekt des Multikulturalismus stärker akzentuiert werden. Also die Möglichkeit innerhalb der Vielfalt auszuwählen, wodurch auch neue Formen und Synthesen entstehen können. Dabei muss von einer ausschließlichen Festschreibung auf ethnische und religiös determinierte Identitäten abgegangen werden und die Vielfalt an politischen, wirtschaftlichen, sozialen Zugehörigkeiten stärker betont werden. Ein Aufbrechen starrer Identitäten scheint dabei gerade das vorrangige Ziel zu sein, weil damit sowohl Kritik am Mythos quasi naturwüchsiger nationalstaatlicher kultureller Einheit geübt werden kann, als auch jenen Formen von religiös motiviertem Fundamentalismus entgegnet werden kann, in welchem die Essenz menschlichen Lebens theologisiert wird.

Dies ist die leicht überarbeitete Version eines Artikels, der bereits in einem früheren Blog Ende 2007 erschienen ist und hier nochmals veröffentlicht wurde, da er thematisch in die Agenda von liberty island passt.

Literatur:

[1] http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EF6816D734A5C42A8A352CBB10367B7FA~ATpl~Ecommon~Scontent.html

[2]

http://www.zeit.de/2007/50/Multikulturalismus?page=1

Beckstein, Günther (2004a): Rede des Bayerischen Staatsministers des Innern, Dr. Günther Beckstein, anlässlich der Bad Boller Perspektivengespräche der Evangelischen

Akademie am 09. Juli 2004 in Bad Boll, zum Thema: „Deutschland ein Einwanderungsland- Immigration und Integration“, unter:

http://www.stmi.bayern.de/imperia/md/content/stmi/buergerundstaat/auslaenderrecht/d_einwanderung_090704.pdf

Fish, Stanley (1997): Boutique multiculturalism, or why liberals are incapable of thinking about hate speech, unter:

http://epa-web.soe.ucy.ac.cy/courses/EPA637/EPA%20637%20FALL%202007/epa%20637%202007%20readings/Boutique%20multiculturalism.pdf

Räthzel, Nora (2005):Begegnungen mit dem Kopftuch«, in: Frigga Haug/Katrin Reimer (Hg.): Politik ums Kopftuch, Argument Verlag, Hamburg, S. 112–119.

Zizek, Slavoj (2001): Ein Plädoyer für die Intoleranz, Wien.

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