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Ein ganz normaler Monat FPÖ

August 6, 2011 3 Kommentare

Des rechten Wahnsinns fette Beute

Der letzte Monat lässt tief in die Abgründe der FPÖ blicken. Von offensichtlicher Nähe zu Neonazis über die Attacke auf die Rechtsstaatlichkeit bis hin zum Angriff auf grundlegende Menschenrechte war alles dabei. Längst sind diese „Einzelfälle“ zum Normalfall geworden. Abgrenzungen kommen entweder gar nicht oder unglaubwürdig. Deshalb muss eines erneut ausgesprochen werden: Diese Partei ist eine Gefahr für die Demokratie – Wehret den Anfängen!

Der Fall Königshofer

Symptomatisch zeigt sich die Fratze der FPÖ an den jahrelangen Ausfällen Königshofers. So soll zum Beispiel ein Mail des Abgeordneten bei einer bekannten Neonaziseite aufgetaucht sein. Durch Codierung des Mails konnte laut dem Kriminalbeamten Sailer der Nachweis erbracht werden, dass es von Königshofer stammt (inzwischen vom Wiener Handelsgericht bestätigt). Zudem bezeichnete er auf Facebook einen Marokkaner als „Kanaken“ und verkehrt dort mit Rechtsextremen und sogar bekennenden Nazis. (siehe dazu: http://bawekoll.wordpress.com/2011/06/24/die-paramilitarischen-facebookfreunde-von-werner-konigshofer/ – ein sehr zu empfehlender Blog!) Den Grünen Landtagsabgeordneten Gebi Mair bezeichnete er als „Landtagsschwuchtel“ und auf seiner Homepage veröffentlichte er eine Hassschrift mit dem Titel „Tirol oder Türol“, in der vor allem gegen Muslime gehetzt wurde.

Das Fass zum Überlaufen brachte die Gleichsetzung von Abtreibung mit den Gräueltaten in Norwegen. Danach konnte selbst die FPÖ nicht mehr anders, als Königshofer zu entfernen. Alle vorigen rechtsextremen Niederträchtigkeiten waren offenbar nicht ausreichend. Doch auch das reicht vielen nicht: Inzwischen gibt es zahlreiche Solidaritätsbekundungen, nicht nur aus dem Nazi-Lager, sondern auch von FPÖ-Mandataren. Königshofer hetzt derweil munter auf seiner Homepage weiter.

AUF – Polizeiarbeit ist KZ-Arbeit 

Kurz nach Königshofers Parteiausschluss wurde die blaue Polizeigewerkschaft AUF auffällig. In einer Mitglieder-Aussendung verglich sie die Zwangsarbeit im KZ mit dem Polizeidienst. Polizeiarbeit sei Schwerarbeit, wird erläutert, und der Beitrag mit Bildern von KZ-Arbeit geschmückt. Nachdem der Fall öffentlich wurde, behauptete die AUF, es handle sich um Bilder ohne NS-Bezug, von VOEST-Arbeitern war die Rede. Freilich war das nur eine Ausflucht. Das veröffentlichte Bild hängt im Museum des KZ Sachsenhausen und wurde vom Überlebenden Etienne van Ploeg gemalt. Konsequenzen gab es wie immer keine.

Scheuch-Prozess

Als ob das Missverhältnis zum Nationalsozialismus nicht schon genug wäre, griff die FPÖ gleich noch die Rechtsstaatlichkeit an . Uwe Scheuch soll in einem Telefongespräch – damals noch als BZÖ-Politiker – seine Bereitschaft signalisiert haben, einem potenziellen russischen Investor im Gegenzug für eine Parteispende die österreichische Staatsbürgerschaft zu verschaffen und soll dafür „die üblichen fünf bis zehn Prozent“ der Investitionssumme für seine Partei verlangt haben. Er wurde dafür inzwischen zu einer Strafe von 18 Monaten, sechs davon unbedingt, verurteilt. Der Konjunktiv wird hier nur verwendet, da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. (Das Tonband kann hier angehört werden: http://www.news.at/articles/1002/8/259567/part-game-affaere-muss) Scheuch hat natürlich Berufung eingelegt und keine Anwandlungen, zurückzutreten – wie es der Anstand verlangen würde. Nein, stattdessen greift die FPÖ munter den Rechtsstaat an. Von „Politjustiz“ ist die Rede und von einem krassen Fehlurteil. Offenbar soll gleich die zweite Rechtsinstanz eingeschüchtert werden, damit das Urteil nicht bestätigt wird. Ein Schauer läuft einem über den Rücken, wenn man daran denkt, eine solche Partei könnte Justiz- und Innenressort bekleiden. (Und beispielsweise auch noch die Macht haben, den Ausnahmezustand auszurufen. So wurden schon viele Demokratien gestürzt.)

FPÖ-Libyen-Reise

Da der Rechtsstaat wohl nicht so die Sache der FPÖ ist (schließlich sitzen mehrere verurteilte Straftäter bei den Rechtsparteien im Parlament), unternahmen sie gleich eine Reise in ein Land, wo es sich die Führung richten kann. Strache schickte den Wiener Landtagsabgeordneten David Lasar zum libyschen Despoten Gaddafi. Dort sollten angeblich Friedensverhandlungen eingeleitet werden – die FPÖ stellte sich größenwahnsinnig in die Tradition Bruno Kreiskys. Natürlich wurde schnell spekuliert, was der wahre Hintergrund der Reise sein könnte. Viele vermuteten, es gehe um Parteispenden. Schließlich können sich alle noch an die Zeit zurück erinnern, als Haider ins Gaddafi-Zelt pilgerte und plötzlich billiges Öl in Kärnten vom Himmel fiel – hier stieg man später auf Sonnenenergie um.

Der Eindruck, der von der Reise bleibt, ist eine Partei, die offenbar nicht davor zurückschreckt, sich mit einem Diktator und Massenmörder ins Bett zu legen, der ohne Skrupel dazu bereit ist, die eigene Bevölkerung abzuschlachten. Mit Menschenrechten hat man es wohl nicht so bei der FPÖ.

Dörflers Gewerkschafts-Attacke

Zu den Menschenrechten gehört auch die Versammlungsfreiheit – offenbar ein Dorn im Auge der Blauen. Die Europäische Menschenrechtsdeklaration sagt klar: „Alle Menschen haben das Recht, sich frei mit anderen zusammenzuschließen, einschließlich des Rechts, zum Schutze ihrer Interessen Gewerkschaften zu bilden und diesen beizutreten“. Dennoch ritt der Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler eine Attacke auf die Gewerkschaften und schlug deren Auflösung vor. Die AK würde die Arbeitnehmervertretung ohnehin übernehmen, hieß es. Parallel Gewerkschaften zu betreiben, koste teures Geld und müsse daher ein Ende haben. Was Dörfler nicht sagte: Die Gewerkschaften sind private Vereine und der Beitritt ist freiwillig. Eine Abschaffung ist daher mehr als absurd. Was würde Dörfler sagen, wenn man die FPÖ verbieten wollte? Schließlich gibt es ja bereits mehrere Parteien – kostet nur Steuergeld.

Wer FPÖ wählt, macht sich schuldig

Zusammenfassend kann man sagen: Die FPÖ hat es in einem Monat geschafft, auf alle wesentlichen Errungenschaften der modernen Demokratie zu spucken, sich mit Nazis und Diktatoren ins Bett zu legen und Menschen- und Arbeiterrechte anzugreifen. Wer diese Partei dennoch wählt – und bis zu 30 Prozent wollen das laut Umfragen tun – macht sich schlicht und ergreifend an der Gesellschaft schuldig. In Ungarn sehen wir, wie sich ein Land vom demokratischen Konsens wegbewegt und wie Minderheiten Angst und Bange sein muss. Das gleiche könnte Österreich blühen, schon ab 2013.

Antisemitismus und Geschlecht

In den Antisemitismustheorien kam bis jetzt der Gender-Aspekt nur vereinzelt vor. Es wurde nach psychologischen Mustern gesucht, kulturelle Entwicklungen wurden dargestellt und der Antisemitismus wurde in mehrere Erscheinungsformen kategorisiert.

Erst in den letzten Jahren und im Zuge der immer populärer werdenden Gendertheorien erschienen einige Aufsätze und einzelne Publikationen über den Genderaspekt im Judenhass. Umfangreichere Publikationen zu diesem Thema gibt es bis jetzt kaum.

Ich werde hier versuchen, das bisher vorhandene Material so vollständig wie möglich zusammenzutragen und zu untersuchen. Dies geschieht unter folgender Annahme:

Ich gehe davon aus, dass Geschlechter- und Sexualitätskonstruktionen ein wichtiger Bestandteil des Antisemitismus waren und sind. Dies gilt sowohl für kulturelle/psychologische wie auch biologisch-körperliche Antisemitismuskonstruktionen. Die Übergänge sind dabei fließend und die Geschlechterkonstruktionen übergreifend. Als der Körper stärker ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung rückte, wurden auch die antisemitischen Vorstellungen körperlich materialisiert. Der Jude und die Jüdin wurden nun auch körperlich zum Antipol der hegemonialen männlichen geprägten Wertvorstellung. Als das Leben an sich und nicht mehr die Lebensweise der politische Hauptaugenmerk wurde, erwies sich das für das als unzulänglich konstruierte Leben, die unzulänglichen Körper, die den Volkskörper vergiften würden, als tödlich.

In dieser These stecken viele Fragestellungen, die ich nun konkreter formulieren möchte, um auch besser auf die Herangehensweise eingehen zu können.

Zuerst werde ich anhand Otto Weiningers Text „Geschlecht und Charakter“ an das Thema heranführen. Weiningers Text beinhaltet ein Kapitel zum Thema Judentum, in dem eine Verknüpfung zwischen Judentum und Weiblichkeit hergestellt wird. Seine Argumentationslinien dienen dazu, einen Überblick über diese Denkweise zu generieren und sind deshalb bestens dazu geeignet, vor einem Theorie- und Methodenkapitel an das Thema heranzuführen.

Im folgenden Theorie- und Methodenkapitel werde ich nach einem Überblick über aktuelle Antisemitismuserklärungsversuche einen Kontext suchen, in dem die Verknüpfung zwischen Weiblichkeit und Judentum entstehen konnte. Es handelt sich dabei um zwei zentrale Fragestellungen: Wie wurden bestimmte Verhaltensweisen in jüdische Körper eingeschrieben, mit welcher Methode geschah dies? Und: In welchem Kontext wurde der jüdische Körper zum Politikfeld? In welche Entwicklung ist die Pathologisierung der Verhaltensweisen und Körper einzuordnen? Wo ist der Übergang zwischen körperlichen und kulturellen Zuschreibungen? In diesem Kapitel werde ich auch kurz auf meine methodische Herangehensweise eingehen.

Nach der Darlegung des theoretischen Kontexts folgt der empirische Teil, der im Zusammenhang dieser Arbeit eine Materialsammlung der geschlechts- und sexualitätsspezifischen Diskurse über Jüdinnen und Juden meint. Es wird dabei getrennt auf Bilder der Jüdin und des Juden eingegangen. Dabei sind sowohl kulturelle/psychologische als auch körperliche Zuschreibungen Gegenstand der Abhandlung.

Zu guter Letzt wird versucht, die beiden Abschnitte miteinander zu verbinden und den empirischen Teil in Zusammenhang mit dem theoretischen Kontext zu deuten. Der letzte Abschnitt ist also ein Analysekapitel des vorher dargestellten Materials. In diesem Zusammenhang wird die These, die zuvor aufgestellt wurde, noch einmal untersucht.

Otto Weininger – Die Frau und der Jude

Jedes Subjekt setzt sich durch Entwürfe konkret als eine Transzendenz. Es verwirklicht seine Freiheit nur durch deren ständiges Überschreiten auf andere Freiheiten hin. Es gibt keine andere Rechtfertigung der gegenwärtigen Existenz als ihre Ausdehnung in eine unendliche offene Zukunft. Jedesmal wenn die Transzendenz in Immanenz zurückfällt, findet eine Herabminderung der Existenz in ein „An-sich“ und der Freiheit in Faktizität statt. […] Was nun die Situation der Frau in einzigartiger Weise definiert, ist, daß sie sich […] in einer Welt entdeckt und wählt, in der die Männer ihr vorschreiben, die Rolle des Anderen zu übernehmen; sie soll zum Objekt erstarren und zur Immanenz verurteilt sein, da ihre Transzendenz fortwährend von einem essentiellen, souveränen anderen Bewußtsein transzendiert wird. Simone de Beauvoir (Beauvoir 2000, 25f.)

Strindbergs Wahrheit: die Weltordnung ist vom Weiblichen bedroht. Strindbergs Irrtum: die Weltordnung ist vom Weibe bedroht. Karl Kraus (Kraus, Karl, zit. n. Birkhan 1990, 41)

Der folgende Abschnitt ist als Themenhinführung gedacht. In Weiningers Text verdichten sich die Argumentationslinien, die Judentum und Weiblichkeit auf einen Nenner bringen so stark wie in wenigen anderen Texten. Es sind zwar nicht die medizinischen Diskurse über den jüdischen Körper, die später behandelt werden, aber Weiniger stellt ein komplexes Gedankengebäude zu Weiblichkeit, Judentum und deren Verbindung auf, das als Verdichtung, als Kondensat vieler später erwähnter Diskurse gelesen werden kann und deshalb bestens geeignet ist, das Thema zu eröffnen. Da die Verknüpfung von Antisemitismus und der Geschlechterthematik doch recht ungewöhnlich ist, erscheint es mir notwendig, bevor Antisemitismustheorien und methodische Überlegungen angesprochen werden, die Handlung dieser Arbeit zu konkretisieren. Dazu folgt nun ein Blick auf Weiningers Ausführungen.

„Geschlecht und Charakter“, die erweiterte Dissertation Otto Weiningers, eines Wiener Juden, der 1902 mit diesem Titel promovierte – im selben Jahr, in dem er zum Christentum (Protestantismus) konvertierte (vgl. dazu Le Rider 1985, 33f.) – erschien erstmals 1903 bei einem Wiener Verlagshaus. Bis heute erfreut sich dieses Buch einer großen Verbreitung (vgl. Schröder 1994, 62ff.) und entfesselte bereits kurz nach seinem Erscheinen eine „gewaltige Wirkung“ (Birkhan 1990, 70, vgl. ebd. 43). Weininger unternimmt in seinem Werk den zu dieser Zeit so oft von männlicher Seite betriebenen Versuch, das Wesen der Frauen zu erfassen, der Frau an sich das Korsett einer Definition umzuschnallen. Interessant dabei ist vor allem ein Kapitel, das man in diesem Zusammenhang nicht erwarten würde. Das 13. Kapitel seines Werkes trägt die Bezeichnung „Das Judentum“.

Wie dieser Konnex zustande kommt, ist die eigentlich interessante Frage. Weiningers Argumentationslinien sollen nun in diesem Hinblick nachgezogen werden.

In den ersten Seiten dieses Kapitels beginnt Weininger, sich zu rechtfertigen, wieso Frauen in den vorangegangenen Kapiteln so schlecht dargestellt werden – und Männer hingegen so gut.

Eine Beschuldigung, die, wenn man sie träfe, vollkommen ungerechtfertigt wäre, laut Weininger. Es käme ihm nämlich „nicht in den Sinn, die Männer zu idealisieren, um die Frauen leichter in der Schätzung herabrücken zu können“, sondern es handle sich lediglich um die Feststellung „der besseren Möglichkeiten, die in jenem Manne sind. […] Möglichkeiten, die als solche bei der Frau weder in Wirklichkeit, noch in gedanklicher Erwägung irgend in Rechnung gelangen“ (Weininger 1997, 403). Männer seien laut Weininger also nicht in jedem Fall besser als Frauen, sondern nur, wenn sie ihre Möglichkeiten nutzen, da die ganze Welt in ihnen stecke – was den Frauen jedoch fehle1 (vgl. ebd.).

Und schließlich kommt er zu dem entscheidenden Punkt in der Verknüpfung von Sexismus und Antisemitismus: „Es gibt […] Männer, die zu Weibern geworden, oder Weiber geblieben sind; aber es gibt keine Frau, die über gewisse umschriebene, nicht sonderlich hoch zu ziehende, moralische und intellektuelle Grenzen hinauskäme. […] das höchststehende Weib steht noch unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne“ (ebd., 404).

Die Gemeinsamkeiten des jüdischen Mannes und der Frau

Welche Männer Weininger mit dieser Beschreibung vor allem im Blickpunkt hat, wird schnell deutlich: Es sind die Juden. Nach einigen rassistischen Ausführungen über Unmännlichkeit im Zusammenhang mit „Negern“, Chinesen bzw. Mongolen und der Verwandtschaft dieser Gruppen mit Juden, eine Verwandtschaft, die im weiblichen Wesen dieser „Rassen“ läge (vgl. Schröder 1994, 73), verlässt Weininger das Terrain der biologischen Rassentheorien und wendet sich von den anthropologischen Fragen, über die er nicht das nötige Wissen verfüge2 (vgl. Weininger 1997, 405), hin zur „psychische[n] Eigenheit des Jüdischen“ (ebd.). Der Gruppe, die er also im Auge hat, wenn es um effeminierte Männer geht.

Trotz der zuvor vorgenommenen rassentheoretischen Verweise überrascht diese Herangehensweise nicht, denn Weiningers Definition von Judentum ist keineswegs eine rassistisch-biologische, auch wenn er manchmal in diese Kategorisierung zurückfällt.3 „Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung, für eine psychische Konstitution halten, welche für alle Menschen eine Möglichkeit bildet, und im historischen Judentum bloß die grandioseste Verwirklichung gefunden hat“4 (ebd., 406).

An dieser Stelle sei erwähnt, dass es mit einem Antisemitismus-Vorwurf gegenüber Weininger nicht nur deshalb schwierig ist, weil er selbst Jude war (im Methodenteil werde ich meine Zugangsweise dazu erläutern), sondern auch wegen der Art seiner Überhöhung der „Arier“, die bei Weininger keine Antisemiten sind. „Die echtesten, arischsten, ihres Ariertum gewissesten Arier sind keine Antisemiten“ (ebd.). Diese haben nichts Jüdisches mehr in sich, denn wie „man im anderen nur liebt, was man gerne ganz sein möchte und doch nie ganz ist, so haßt man im anderen nur, was man nimmer sein will, und doch immer zum Teile noch ist“ (ebd., 407). Und wichtig: „der Antisemitismus des Ariers ergibt eine nicht minder bedeutungsvolle Einsicht: dass man das Judentum nicht verwechseln darf mit den Juden. Es gibt Arier, die jüdischer sind als mancher Jude, und es gibt Juden, die arischer sind als gewisse Arier“ (ebd.).

Bei Hannelore Schröder finden sich jedoch Hinweise darauf, dass es sich dabei nur um eine Scheinabgrenzung zum aggressiven Antisemitismus handelt: „Weininger treibt seine politische Propaganda zum äußersten Extrem: ‚Der höher stehende Arier hat immer das Bedürfnis den Juden zu achten, sein Antisemitismus ist ihm keine Freude und kein Zeitvertreib’ […] ‚Losungen, wie ‚Kauft nur bei Christen’ sind jüdisch… […] arische Männer sind keine Antisemiten, es ist der Jude in ihnen, ‚also’ sind die Juden die Schuldigen. Juden sind die Antisemiten, Frauen die Antifeministen“ (Schröder 1994, 74). Es handelt sich also um eine klassische Täter-Opfer-Umkehr in Weiningers Argumentation. Die Existenz des Judentums trägt Schuld am Antisemitismus. Das Judentum müsste also verschwinden, überwunden werden, um dem Antisemitismus sein Objekt zu nehmen. Eine Argumentationslinie, die sehr nach Auslöschung klingt. 5

Es ist die jüdische Kultur, eine Geisteshaltung, an der jeder Mensch Anteil haben kann, die Weininger zu analysieren versucht. Und diese Geisteshaltung ist es nun auch, die für ihn der Geisteshaltung der Frau am ähnlichsten zu sein scheint – der jüdische Mann, der das Weibliche in sich trägt, sich dem Weiblichen am stärksten annähert. „Es bereitet jedem, der über beide, über das Weib und über den Juden, nachgedacht hat, eine eigentümliche Überraschung, wenn er wahrnimmt, in welchem Maße gerade das Judentum durchtränkt scheint von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im Gegensatze zu allem Männlichen ohne Unterschied zu erforschen getrachtet wurde“ (ebd., 409). Eine vollkommene Übereinstimmung gibt es bei Weiniger zwischen Juden und Frauen zwar nicht – auf die Unterschiede werde ich später noch eingehen – jedoch erscheint es für den Gegenstand dieser Arbeit überaus interessant, zu betrachten, welche Gemeinsamkeiten konstruiert werden.

So sieht Weininger etwa eine Analogie darin, dass Juden bewegliche Güter bevorzugen würden, genauso wie Frauen. Es gebe bei Juden kein Bedürfnis an festem Eigentum, an Grundbesitz, woraus sich der Hang der Juden zum Kommunismus ableite, denn Eigentum stehe in unlöslichem Zusammenhang mit Individualität (vgl. ebd., 410). Im jüdischen Kommunismus (Marx) gebe es kein Verhältnis zu der Idee des Staates. „Der Staat ist das Ganze aller Zwecke, die nur durch eine Verbindung vernünftiger Wesen als vernünftiger verwirklicht werden können. Diese kantische Vernunft aber, der Geist ist es, woran es dem Juden wie dem Weibe vor allem zu gebrechen scheint. […] Daß der Jude nicht erst seit gestern, sondern mehr oder weniger von jeher staatsfremd ist, deutet bereits darauf hin, daß dem Juden wie dem Weibe die Persönlichkeit fehlt; […] Denn nur aus dem Mangel des intelligiblen Ich kann, wie alle weibliche, so auch die jüdische Unsoziabilität abzuleiten sein. Die Juden stecken gerne beieinander wie die Weiber, aber sie verkehren nicht miteinander als selbstständige, voneinander geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer überindividuellen Idee“ (ebd., 411f.).

Weininger folgert daraus einen „Mangel an Bewußtsein eines Selbst“ (ebd., 412) Der echte Jude hätte kein Ich und damit auch keinen Eigenwert. Daher würde der Jude versuchen, sich selbst durch Erniedrigung anderer zu erhöhen, seinen Wert zu steigern, oder etwa durch „weibische Titelsucht“ (ebd.) sich der Protzerei zu bedienen.

In diesem Zusammenhang steht auch die folgende Bemerkung: Da es sich bei Juden um gemeinschaftliche Menschen handeln würde, wurde vom Antisemitismus oft eine Solidarität unter Juden angenommen. Laut Weininger wäre diese Annahme aber aufgrund der fehlenden Individualität irrig. Was verteidigt würde, sei nicht der einzelne Jude, das Individuum, sondern die Gattung, die Idee des Judentums (vgl., ebd., 415). „Nur die Gattung wird verteidigt, nur das Geschlecht, beziehungsweise die Rasse geschützt, nicht das Individuum“ (ebd.). Hier gäbe es wieder die Übereinstimmung zwischen Juden und Frauen. „Der echte Jude wie das echte Weib, sie leben beide nur in der Gattung, nicht als Individualitäten“ (ebd., 416).

Im Anschluss dazu kommt Weininger zu dem Punkt, an dem die Übereinstimmung zwischen Juden und Frauen am stärksten sei, im Hang zur Kuppelei. „Männer die kuppeln, haben immer Judentum in sich; und damit ist der Punkt der stärksten Übereinstimmung zwischen Weiblichkeit und Judentum erreicht“ (ebd., 417).

Ein Punkt, der sich wiederum aus dem Willen des Juden zur Gemeinschaft, denn „Kuppelei ist schließlich Grenzverwischung“ (ebd.), erklärt. Aus diesem Grund sei der Jude auch geborener Kommunist und die jüdische Kultur diejenige, die den Wert der Familie am höchsten tragen würde.

Im Zusammenhang mit der prozentuell niedrigeren Verbrechensrate bei Juden, die es laut Weininger gäbe, beschäftigt sich Weininger mit der Möglichkeit von Menschen zum Guten bzw. Bösen, mit der Fähigkeit zur Moral. Der Jude sei kein antimoralischer Mensch, wie oft behauptet, vielmehr ein amoralischer. Er sei „nie sehr gut, noch je sehr böse, im Grunde keines von beiden, und eher gemein. […] Was dem Weibe wie dem Juden vielmehr durchaus abgeht, das ist Größe, Größe in irgend welcher Hinsicht, überragende Sieger im Moralischen, großzügige Diener des Antimoralischen. […] Im Juden sind, fast wie im Weibe, Gut und Böse noch nicht voneinander differenziert“ (ebd. 414f.). Ein Motiv, das unleugbar einen religiösen Hintergrund besitzt.

In Weiningers Text finden sich immer wieder Stellen, die die Überlegenheit des Christentums über die jüdische Religion betonen. Auf christliche Motive in diesem Zusammenhang werde ich später noch genauer zu sprechen kommen, wenn es um die Kontinuitäten zwischen Antisemitismus und Antijudaismus geht.

In diesem religiösen Kontext stünde eine weitere Analogie zwischen Juden und Frauen. „Mit dem völligen Mangel des Juden an Demut hängt sein Unverständnis für die Idee der Gnade zusammen. Aus seiner Knechtischen Veranlagung entspringt seine heteronome Ethik, der Dekalog, das unmoralischste Gesetzbuch der Welt, welches für die gehorsame Befolgung eines mächtigen fremden Willens das Wohlergehen auf Erden in Aussicht stellt und die Eroberung der Welt verheißt. Das Verhältnis zum Jehovah, dem abstrakten Götzen, vor dem er die Angst des Sklaven hat […] charakterisiert den Juden analog dem Weibe als einer fremden Herrschaft über sich bedürftig“ (ebd., 420).

Die Unsterblichkeit ist ein weiteres religiöses Motiv. Dem Juden fehle jeglicher Unsterblichkeitsgedanke, da er keine Seele habe, „der absolute Jude […] ist seelenlos“ (ebd.). Die Seele sei das Unsterbliche, das Göttliche in den Menschen. Dieser Gedanke nach dem Göttlichen im Menschen ist verbunden mit dem Unsterblichkeitsgedanken, da die Seele nicht verschwinden würde. Dieser Gedanke fehle „ebenso wie Frauen […] den Juden“ (ebd.).

In einem weiteren Abschnitt befasst Weininger sich mit dem Verhältnis des Juden zur Wissenschaft. Was er bei einer Aufzählung von großen Denkern zu bemerken glaubt, ist, dass es ähnlich des Mangels an der Ausdifferenzierung von Gut und Böse, auch kein jüdisches Genie gebe. Es fehlt „dem Juden (und dem Weibe) mit dem Genie auch das Radikal-Dumme in der menschlichen, männlichen Natur. Die spezifische Intelligenz, die dem Juden wie dem Weibe nachgerühmt wird, ist freilich einerseits nur größere Wachsamkeit ihres größeren Egoismus; andererseits beruht sie auf der unendlichen Anpassungsfähigkeit beider an alle beliebigen äußeren Zwecke“ (ebd., 425f.).

Nach einer kurzen Passage über den Humor, den Weininger weder Juden noch Frauen konstatiert, die nur einen Hang zur Satire hätten – „Juden und Weiber sind humorlos, aber spottlustig“ (ebd. 428) – gibt es auch einen einzigen Absatz zur jüdischen Frau. Es gäbe des Öfteren den Schein, dass Jüdinnen die Idee (im platonischen Sinn) der Frau völlig repräsentieren würden, mehr als alle anderen Frauen. Das läge aber nur daran, dass der jüdische Mann selber so wenig Transzendentes in sich habe, dass er seine Frau gewissermaßen mit dieser Nichttranszendenz durchdringe. Eine Arierin hingegen fordere von ihrem Mann „auch das Metaphysische[n] als einen Sexualcharakter“ (ebd., 429). Sie sei „von seinen religiösen Überzeugungen ebenso zu durchdringen […], wie von seinen anderen Qualitäten“ (ebd.). Der so wenig transzendente jüdische Mann aber ist nichts und durchdringt die Frau daher auch mit diesem Nichtsein – was wiederum dem Wesen der Frau entspräche.

Auf die Liebe projiziert bedeutet dieses Durchdringen der Frau, die Beseelung, wie Weininger es auch nennt, nichts anderes, als dass der Mann sich in der Frau selbst liebt. „In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst“ (Weininger, zit. n. Birkhan 1990, 50). In der Liebe suche der Erotiker sein eigenes höheres Ich (vgl. ebd.).

Das erinnert vom Prinzip her an die Frauentausch-These von Irigaray. Luce Irigaray hat darauf hingewiesen, dass der Frauentausch zwischen Männergruppen, „eine Regel, die unter dem Namen Inzestverbot bekannt ist“ (Irigaray 1979, 177), die Grundlage der bestehenden männlichen Ordnung darstellt (vgl. ebd.). Frauen dienen als „Spieleinsatz von Beziehungen unter Männern“ (ebd., 178). Es wird „eine Herrschaft der männlichen Hom(m)osexualität“ (ebd.) unterhalten. „Allseits herrschend, aber in ihrer Praxis verboten, spielt sich die Hom(m)osexualität über die Körper der Frauen, als Materie oder Zeichen, ab. Und bisher ist die Heterosexualität nichts anderes als ein Alibi für die reibungslosen Beziehungen des Mannes zu sich selbst, für die Beziehungen unter Männern“ (ebd., 179). In der partriarchalen Gesellschaft wäre die Frau also Ware im Marxschen Sinne. Sie ist dabei Wertspiegel des Mannes für den Mann, ihr Körper ist stofflicher Träger dieser Spiegelung (vgl. ebd., 183). „Die Ware fröhnt […] dem Kult des Vaters, und sie hört nicht auf, seinem Stadthalter zu ähneln, ihn zu mimen. Aus dieser Ähnlichkeit, aus der Mimesis dessen, was die väterliche Autorität darstellt, zieht die Ware ihren Wert – für die Männer“ (ebd., 185). Auf Weiningers Durchdringungstheorie bezogen, scheint diese Formulierung den dahinter liegenden Wunschgedanken freizulegen, der in der einschlägigen Literatur fast immer zu finden ist.

Schlussendlich stellt Weininger für Juden wie für Frauen fest: „[S]ie sind nichts, und können eben darum alles werden“, „es fehlt ihm das wahre, unveränderliche, das metaphysische Sein, er hat keinen Teil am höheren, ewigen Leben“ (Weininger 1997, 429).

Weininger leitet das Nicht-Sein bzw. das Fehlen eines Ichs bei der Frau aus ihrer Sexualität ab. Die Frau habe keine Libido, sie sei die Libido. Sie sei nichts als Sexualität. „Grob ausgedrückt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau“ (Weininger, zit. n. Braun 1993, 183). Es sei eine wesentliche Bestimmung des Mannes, die Frau zu beseelen (vgl. Birkhan 1990, 49). Sie, die Formlose, wird vom Mann bestimmt. (vgl. ebd., 47) Interessant sind dabei auch Weiningers Ausführungen über die Mutter, die ein psychologisches Motiv auftun. „In ihr […] gewinnt alles Leben… (sic!) Hierin ist sie … in ihrer niederen körperlichen Sphäre … dem Genius vergleichbar“ (Weininger, zit. n. Birkhan 1990, 48). Der Genius ist selbstverständlich nur männlich, das Zentrum seiner Kreativität ist das Hervorbringen. So gesehen misst sich der Genius an der Mutter, was Weininger auch ausspricht. Doch seine Fruchtbarkeit ist eine geistige. Die Mutter bringt niederes Leben hervor, der Mann wiederum, was bei Weininger gleichbedeutend dem Genie ist, das nichts anderes als voll entfaltete Männlichkeit sei, haucht allem Lebendigen höheres Leben ein (vgl. ebd.). Wo diese männliche Projektion aber an der Realität scheitert, droht der „Verlust des Einsseins mit der imaginierten Geliebten“ (ebd., 51).

Die Unterschiede zwischen der Frau und dem jüdischen Mann

Weininger kommt schließlich zu dem Punkt, an dem sich Juden und Frauen unterscheiden würden. Das „Nicht-Sein und Alles-Werden-Können ist im Juden ein anderes als in der Frau“ (ebd., 429f.). Die Frau sei passiv und nehme jede Form als Materie an; im Juden sei aber unleugbar etwas Aggressives vorhanden. Er passe sich den Erfordernissen seiner Umgebung an und verhalte sich dabei wie ein Parasit. „Er assimiliert sich allem und assimiliert es so sich; und er wird hierbei nicht vom anderen unterworfen, sondern unterwirft sich so ihn“ (ebd., 430). Der Jude bleibe dabei immer Jude.

Der „Jude glaubt an nichts“ (ebd., 431), damit stehe er im Gegensatz zu anderen Menschen, die so nicht an Gott, so doch wenigstens an ihren Atheismus glauben. „Er nimmt sich nie ernst, und darum nimmt er auch keinen anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft ernst“ (ebd.). Damit ist für Weininger die wesentliche Differenz zwischen Juden und Frauen ausgesprochen. „Ihre Ähnlichkeit beruht zu allertiefst darauf, daß er, so wenig wie sie, an sich selbst glaubt. Aber sie glaubt an den anderen, an den Mann, an das Kind, an ‚die Liebe’; sie hat einen Schwerpunkt, nur liegt er außerhalb ihrer. Der Jude aber glaubt nichts, weder in sich noch außer sich“ (ebd.). Der Jude zweifle sogar an seinem Zweifel.

Doch sollte an dieser Stelle nicht vergessen werden, dass Weininger in jedem Mann, also auch im Juden, das Potenzial zum Arier sieht. „Der Unterschied, den Weininger dem Juden im Hinblick auf die Frau zugesteht, ist gewaltig: ‚Geschlecht und Charakter’ will zeigen, daß die weibliche Emanzipation keinerlei Aussicht auf Verwirklichung besitzt, den Juden hingegen wird eine Chance zugestanden, das höhere Menschentum zu erreichen.“ (Le Rider 1985, 192).

In diesem Sinne war es zu verstehen, dass „das höchststehende Weib“ noch immer „unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne“ (Weininger 1997, 404) stünde.

Die Aufschlüsselungen und die Begrifflichkeiten, die Weininger benutzt hat, können nun Ausgangspunkt einer weiteren Spurensuche sein. Es hat sich eine Problemstellung ergeben, die nun weiter verfolgt werden soll. Die Fragen sind zunächst: Welche Bilder lassen sich über Weiningers Ausführungen hinaus in antisemitischen Diskursen finden? Wie, also mit welcher Methode, durch welchen Mechanismus, wurden diese Zuschreibungen/Einschreibungen getätigt? Woher kommen diese Definitionen des Anderen, in welcher Tradition stehen sie?

Dazu folgt aber zunächst ein Kapitel, in dem ich mein methodisches Werkzeug darstellen möchte, mit dem ich im Folgenden arbeiten werde. Es handelt sich dabei um eine Verortung der Problemstellung in einer speziellen ideengeschichtlichen Entwicklung bzw. in einer Form oder einem Prozess der Machtausübung. Dieser Rahmen soll nun gezogen werden.

Theoretische und methodische Überlegungen

Dieser Abschnitt wird die theoretischen und methodischen Rahmenbedingungen abstecken, mit denen ich später arbeiten werde. Es geht darum, ein Gedankengebäude zu konstruieren, innerhalb dessen die Diskurse über die jüdische Geschlechtlichkeit und die jüdische Sexualität gefasst werden können.

Bevor das geschieht, gibt es einen kurzen Überblick über Erklärungsmodelle des Antisemitismus, um den gewählten Ansatz innerhalb bzw. außerhalb dieser Theorien einordnen zu können.

Danach geht es zuerst um den historischen Rahmen, der den biologischen Antisemitismus ermöglicht hat. Wie in den einleitenden Worten schon angesprochen, handelt es sich nicht im einen zeitlichen Rahmen im klassischen Sinne, sondern um eine ideengeschichtliche Entwicklung. Hier wird die Rede vom Zeitalter der Biopolitik sein, das den Körper und seine Eigenschaften zum Gegenstand des politischen Denkens machte.

Nach dieser Einschätzung wird nach einer Methode gefragt, wie die Darstellungen des Juden und der Jüdin zur Wahrheit wurden und Wirkmächtigkeit erlangten. Dazu wird zuerst auf der diskurstheoretischen Ebene operiert, speziell soll mit poststrukturalistischen TheoretikerInnen gearbeitet werden. Die Frage ist, wie Diskurse die Wirklichkeit erzeugen, von der sie sprechen. Schlussendlich wird mit Judith Butlers Theorie des Performativen auf einer sprachtheoretischen Ebene versucht, eine Methode zur Festigung und Naturalisierung der Diskurse anzubieten, die zeigen soll, wie scheinbar biologische Tatsachen nichts anderes als die Materialisierung kulturell geformter Bilder darstellen.

Zu guter Letzt folgt im biopolitischen Kontext eine Auseinandersetzung über die Kontinuitäten zwischen kulturellen und biologischen Formen der Judenfeindschaft. Wie erwähnt, haben wir es auf dem Feld des Antisemitismus mit biologischen und kulturell geprägten Zuschreibungen zu tun. Zweitere werden oft mit dem Begriff Antijudaismus gefasst, auch Weiningers Ausführungen werden oft hier eingeordnet. Es stellt sich die Frage inwieweit es sich um unterschiedliche Phänomene handelt bzw. wie sehr beide Spielarten der Judenfeindlichkeit ineinander übergehen. Für diese Arbeit ist es wichtig, der Frage nachzugehen, ob bei unseren Fragestellungen der Unterschied vernachlässigt werden kann, oder ob es sich hier auch um Zuschreibungen handelt, die sich einfach mit der Etablierung der Biopolitik wandeln.

Antisemitismus erklären: Überblick über gängige Antisemitismustheorien 

Vor allem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Shoah gab und gibt es zahlreiche Versuche, Antisemitismus zu erklären. Eine Vielzahl von Theorien hat sich herausgebildet, die versucht haben, die Ursachen des Antisemitismus zu finden und ihn zu erklären, nicht zuletzt um ihn verstehen und besiegen zu können.

Im Folgenden werde ich einen kurzen Überblick über die wichtigsten vorhandenen Theorien geben und versuchen, meinen gewählten Ansatz einzuordnen.

Bereits in den 1940er Jahren entstanden in den USA Theorien über die antisemitische Persönlichkeit bzw. autoritäre Persönlichkeit (vgl. Nonn 2008, 17). Vor allem emigrierte deutsche Wissenschaftler der Frankfurter Schule wie Adorno und Horkheimer waren daran beteiligt. Diese Theorien gingen davon aus, dass es eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur gäbe, die besonders anfällig für Antisemitismus wäre. „Typische Antisemiten besäßen eine Persönlichkeitsstruktur wie Menschen, die in einer umgangssprachlichen Metapher als ‚Radfahrer’ bezeichnet werden: Sie ‚buckelten’ nach oben und träten nach unten“ (ebd.). Diese Menschen würden in konservativen Denkstrukturen und mit stereotypen Vorurteilen verhaftet sein. Sie zeichneten sich zusammengefasst durch Unterwürfigkeit gegen Autoritäten und Aggression gegen sozial schwächer Gestellte aus. Hinzu kommt eine starke sexuelle Verklemmtheit. „Ihre eigenen unterdrückten Sehnsüchte würden sie häufig auf Juden projizieren“ (ebd.). Dieser Ansatz hat also einen individuellen psychoanalytischen Zugang zur Problematik, reflektiert dabei aber auch gesellschaftliche Machtstrukturen.

Wesentlich älter als die Erklärung des Antisemitismus über die autoritäre Persönlichkeit sind Ansätze, die den Antisemitismus in Zusammenhang mit religiösen Konflikten bzw. Vorurteilen erklären. Diese Erklärungen treten seit der einsetzenden Säkularisierung auf und sind noch immer populär. „Den Aufklärern galt Antisemitismus als ein Relikt religiösen Aberglaubens“ (ebd. 19), gewissermaßen als Überrest des dunklen Mittelalters. Der christliche Antisemitismus habe alle Modernisierungsschübe überlebt. „Und selbst diejenigen Antisemiten des späten 19. und 20. Jahrhunderts, die sich ausdrücklich von der christlichen Religion distanzierten, seien im Grunde doch deren judenfeindlichen Traditionen verhaftet geblieben.“ (ebd. 20)

Im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus wurde im Rahmen dieses Konzepts oftmals die Etablierung einer politischen Religion angenommen. „Es wird dann auf Parallelen hingewiesen, die zwischen nationalsozialistischer Ideologie und insbesondere christlichem Weltbild bestünden“ (ebd.). Auf diese Zusammenhänge zwischen Christentum und Antisemitismus wird in einem späteren Kapitel (Antisemitismus und Antijudaismus) noch genauer eingegangen.

Des weiteren gibt es Erklärungsansätze, die eine große Bedeutung von sozialen und wirtschaftlichen Konflikten für den Antisemitismus betonen. Zum Beispiel trifft man auf Theorien, „die einen kausalen Zusammenhang zwischen konjunkturellen Krisen und Antisemitismus“ (ebd. 23) annehmen. Besonders die von Wirtschaftskrisen am stärksten betroffenen Schichten wären auf die Parolen der antisemitischen Parteien anfällig. Und auch die Parteien selbst hätten ihre Blütezeit während wirtschaftlicher Krisen. „Tatsächlich verlief die Entwicklung der antisemitischen Parteien zumindest in Deutschland auffallend parallel zu den wirtschaftlichen Wechsellagen“ (ebd. 24).

Diese Annahme würde sich auch bei der Untersuchung von antisemitischen Gewaltausbrüchen bestätigen. „Auch Ausbrüche von Gewalt an Juden werden oft als Folge von Wirtschaftskrisen interpretiert“ (ebd.). Juden und Jüdinnen dienten demzufolge als Sündenböcke für wirtschaftlich-soziale Entwicklungen.

Hier sei jedoch angemerkt, dass es auch Ansätze gab, die von einem realen Konflikt ausgegangen sind, die so genannte Realkonfliktthese. Demnach waren Juden und Jüdinnen nicht Sündenböcke, sondern es gab tatsächlich ein Konkurrenzverhältnis. So seien „Juden vielfach in Berufe eingedrungen, die bis dahin Christen vorbehalten gewesen waren“ (ebd. 26), was schließlich zu Konflikten mit diesen Berufsgruppen führte. Problematisch ist hier freilich, dass der Antisemitismus durchaus keine Juden und Jüdinnen braucht, um zu funktionieren (vgl. ebd.).

Im Gegensatz dazu steht die oben schon angesprochene Annahme von Juden und Jüdinnen als Sündenböcken, oftmals Ersatzkonfliktthese genannt. Juden und Jüdinnen wären somit keine tatsächliche Konfliktpartei, sondern Konflikte würden auf sie abgewälzt „in einer Verschiebung der Ziele von sozialem Protest“ (ebd. 27). „Eliten und Obrigkeiten würden dann den Protest der Unterschichten, der sich gegen sie selbst richtet, mit manipulativen Methoden auf Juden als Ersatzziel ablenken“ (ebd.). Besonders sozialistische TheoretikerInnen haben versucht, den Antisemitismus so zu erklären.

Neben diesen Erklärungsansätzen haben sich immer mehr (interdisziplinäre) Modelle durchgesetzt, die verschiedene Mechanismen der Judenfeindschaft miteinander verbinden.

So gibt es zum Beispiel Ansätze, die den Antisemitismus als antimoderne Bewegung interpretieren. Antisemitismus sei der radikale Kern eines Protests gegen die bürgerliche Gesellschaft. Er richte sich gegen die Postulate der Menschen- und Bürgerrechte, gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung und gegen die Säkularisierung, kurz gesagt, gegen die Werte, die sich der bürgerliche Liberalismus auf die Fahnen schrieb (vgl. ebd. 28).

In diesem Zusammenhang entwickelten sich Theorien, die von Antisemitismus als kulturellen Code sprechen, als Erkennungszeichen für radikal antimoderne Gruppen, die sich durch extremen Nationalismus, kolonialen und imperialen Bestrebungen, Glorifizierung des Kriegs und der Forderung nach einem vorindustriellen Sittenkodex auszeichneten. Diese Gruppen waren stark demokratiefeindlich und antifeministisch. (vgl. ebd.) Der Jude wurde in diesem Zusammenhang zur Symbolfigur des Kapitalismus, insbesondere des Finanzkapitals (vgl. ebd. 29) und zur Verkörperung der bürgerlichen Ordnung.

Besonders stark verbreitet sind auch Theorien, die eine Verbindung des Antisemitismus mit dem sich immer stärker herausbildenden Nationalismus herausstreichen. „Entsprechend hat eine Reihe von Wissenschaftlern die Konstruktion der Nation insbesondere in Deutschland gegen die Juden betont. Denn die Juden hätten als Verkörperung des ‚Anderen’ herhalten müssen, durch den ein nationales ‚Wir-Gefühl’ erst möglich wurde“ (ebd. 29f.).

Im Gegensatz zu dieser Denkweise, die den Juden bzw. die Jüdin als das Andere des Nationalstaats sieht, gibt es Ansätze, die Juden und Jüdinnen als die Negation des Staates, als Dritten betrachten. „Das über den Globus verteilte Judentum, das bis zur Gründung Israels 1947/48 über keinen Staat verfügte, sei im antisemitischen Denken die Gestalt gewordene Negation dieser Ordnung. Während die benachbarte Nation […] den ‚Anderen’ darstellt, erscheine ‚der Jude’ als Figur des ‚Dritten’“ (ebd. 30). Dieser Dritte stehe nicht als Fremder in Konkurrenz zur Nation, sondern bedrohe das System an sich. Dieses Konzept berücksichtigt bzw. zeigt die Unterschiede zwischen Judenfeindschaft und Xenophobie.

Erst in den 1990er-Jahren bildeten sich Antisemitismustheorien heraus, die den Faktor Geschlecht berücksichtigten. Mit der Verbreitung von Theorien über Körper und Körperlichkeit fand dieser Blickpunkt schließlich auch Einzug in das Feld der Antisemitismusforschung. Dennoch wird dieser Aspekt sehr oft vernachlässigt. Mein theoretischer Ansatz bewegt sich in diesem Feld der Ursachenforschung des Antisemitismus. Da Genderstudies und Queer Theory sich immer schon den Anspruch gaben, interdisziplinär zu sein, werden auch in meiner Arbeit andere Aspekte des Antisemitismus mitgedacht. So werden zum Beispiel religiöse Motive und kulturelle Entwicklungen eine große Rolle spielen und ebenfalls auf Geschlechterbilder untersucht. Die Antisemitismustheorie soll um den Aspekt Körper und damit um den Aspekt Geschlecht und Sexualität erweitert werden. Es wird sich zeigen, welchen Stellenwert dieser Aspekt hat, wie er in bestehende Theorien eingebettet werden kann und welche Erkenntnisse sich daraus gewinnen lassen.

Das Zeitalter des Biopolitischen

Wo die Zugehörigkeit zum „Volk“ vor allem anderen an die Abstammung gebunden ist, werden die sexuellen Beziehungen zu einem über Ein- und Ausschlüsse entscheidenden Feld, in welches der Eingriff der „Gemeinschaft“ dann wiederum legitim erscheint. (Gehmacher 1998, 104)

Wenn man eine Abhandlung über ein so umfangreiches Thema wie den Antisemitismus beginnt, muss aufgrund der zeitlichen und räumlichen Beschränktheit, die ein wissenschaftlicher Text meistens hat, die Frage nach Einschränkungen gestellt werden. Beim Antisemitismus geschieht das meistens entweder durch die Bezugnahme auf bestimmte zeitliche Abschnitte bzw. bestimmte Ausprägungen oder spezielle Akteure/Gruppen.

Im Hinblick dieses Thema, erscheint mir das jedoch nicht sinnvoll. Die Geschlechter- und Sexualitätszuschreibungen an Juden und Jüdinnen übertragen sich von verschiedenen Gruppen, Ausprägungen etc. auf andere. Sie sind kein Ausdruck eines bestimmten Zeitpunkts, sondern vielmehr einer politisch/geistesgeschichtlichen Entwicklung. Sie sind nicht in einer bestimmten Zeit verortet, sondern in einem Prozess, einem Deutungsprozess der Wirklichkeit.

Insofern werde ich mein Hauptaugenmerk nicht darauf legen, welche Akteure, wann und zu welchem Zweck bestimmte Argumentationslinien benutzt haben. Ich werde vielmehr versuchen, die kulturelle Entwicklung nachzuvollziehen, innerhalb derer diese Theorien entstanden, aus denen sie abgeleitet werden können, und welche Methoden dabei verwendet wurden, welche Muster zu erkennen sind.

Die rassistischen Kategorisierungen von jüdischen Körpern und ihre Verbindung mit dem Weiblichen treten keinesfalls zufällig auf. Solche Theorien konnten nach einer Entwicklung entstehen, die man als biopolitische Wende bezeichnen könnte. Der Mensch wird endgültig zum Forschungsgegenstand und zum Objekt, aber auch Subjekt, einer normierenden Kontrollmacht. Was sich ab dem 18. Jahrhundert immer stärker herausbildet, ist eine Kontroll- bzw. Disziplinargesellschaft, in der Kontrollmacht und Disziplinierung zum zentralen Motiv werden und es zu einer Kategorisierung von Verhaltensweisen kommt. Foucault hat es folgendermaßen formuliert: „Wir leben in der Gesellschaft des Richter-Professors, des Richter-Arztes, des Richter-Pädagogen, des Richter-Sozialarbeiters; sie alle arbeiten für das Reich des Normativen“ (Foucault 1977, 392f.).

Die Frage danach, wie und warum dieses Wissen entsteht, erklärt Foucault aus einer historischen Analyse des Gefängnissystems. „Eine bestimmte Politik des Körpers, eine bestimmte Methode, die Anhäufung der Menschen gefügig und nützlich zu machen, machte die Eingliederung bestimmter Wissensbeziehungen in die Machtverhältnisse erforderlich; sie verlangte nach einer Technik der Verflechtung der subjektivierenden Unterwerfung und der objektivierenden Vergegenständlichung; sie brachte neue Verfahren der Individualisierung mit sich. Das Kerkernetz bildet ein Arsenal dieses Komplexes aus Macht/Wissen, der die Humanwissenschaften geschichtlich ermöglicht hat. Der erkennbare Mensch […] ist Effekt/Objekt dieser analytischen Erfassung, dieser Beherrschung/Beobachtung“ (ebd. 393f.). Es geht also um die immer stärkere Etablierung einer Mikrophysik der Macht, die die menschlichen Beziehungen und den Menschen an sich kontrolliert und gestaltet.

Die Auswirkung dieser Entwicklung ist die Herausbildung der Figur des Delinquenten und damit verbunden auch von Milieus und Gesellschaftsgruppen, die verstärkt zu Kriminalität neigen würden.

„In diesem neuen Wissen handelt es sich darum, […] vor allem das Individuum als Delinquenten ‚wissenschaftlich’ zu qualifizieren“ (ebd. 327). Bestimmte gesellschaftliche Gruppen werden dadurch zum Gegenstand von Beobachtungen. „Der Überwachung unterliegen […] auch als gefährlich geltende Milieus und Gruppen“ (ebd. 362). „Was sich hier […] abzeichnet, ist eine Zoologie von gesellschaftlichen Subspezies, eine Ethnologie von Übeltäter-Zivilisationen mit ihren Riten und ihrer Sprache“ (ebd. 325).

Es „baut sich ein Vergleichssystem auf, das die Messung globaler Phänomene, die Beschreibung von Gruppen, die Charakterisierung kollektiver Tatbestände, die Einschätzung der Abstände zwischen den Individuen und ihre Verteilung in einer ‚Bevölkerung’ erlaubt“ (ebd. 245). Dies geschieht „zum Zwecke der Klassifizierung, Kategorienbildung, Durchschnittsermittlung und Normenfixierung“ (ebd.). Es zeichnet sich hier ein wissenschaftliches Kategoriensystem ab, das Normen fixiert und Abweichungen dazu benennt und zum „Anderen“ macht. „Die Fähigkeiten, das Niveau, die ‚Natur’ der Individuen werden quantifiziert und in Werten hierarchisiert. Hand in Hand mit dieser ‚wertenden’ Messung geht der Zwang zur Einhaltung der Konformität“ (ebd. 236).

Diese Macht der Norm betritt verstärkt im 18. Jahrhundert die Bühne und wird zum zentralen Prinzip der Gesellschaftsordnung. „Das Normale etabliert sich als Zwangsprinzip“ (ebd. 237), Abweichungen davon werden auf verschiedenste Arten sanktioniert. Das ist eine Regel, die auch, oder sogar vor allem, im Bereich der Rassen- und Geschlechtertheorien Gültigkeit bekommt.

Dieselben Mechanismen entwickeln sich auf dem Gebiet der Sexualitätsdiskurse. Auch hier werden neue Figuren etabliert, die von der Norm abweichen: „die nervöse Frau, die frigide Gattin, die gleichgültige oder von mörderischen Obsessionen gequälte Mutter, der impotente, sadistische oder perverse Gatte, die hysterische oder neurasthenische Tochter, das frühreife und bereits erschöpfte Kind, der junge Homosexuelle, der die Ehe verweigert oder seine Frau vernachlässigt“ (Foucault 1983, 133) etc.

Laut Foucault sind es vier große Strategien, die sich durchgesetzt hätten: Die „Sexualisierung des Kindes, Hysterisierung der Frau, Spezifizierung der Perversen, Regulierung der Bevölkerung“ (ebd. 137). Mit der Regulierung der Bevölkerung kommt es zu einem Wandel des Staatlichen, dem Wandel vom Territorial- zum Bevölkerungsstaat (vgl. Agamben 2002, 13). Hier findet sich auch der Verknüpfungspunkt zwischen Rassentheorien und Sexualitätsdiskursen. „Die Medizin der Perversionen und die Programme der Eugenik bildeten innerhalb der Technologie des Sexes die beiden großen Neuerungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ (Foucault 1983, 142). „Der Komplex Perversion-Vererbung-Entartung bildete den festen Knotenpunkt der neuen Technologien des Sexes“ (ebd. 143). Das Prinzip des Anderen und des Gleichen wird also in einen biologischen Kontext gestellt, der die Vererbung von „schädlichen“ Eigenschaften verhindern soll. Die Regulierung der Bevölkerung und deren zukünftige Entwicklung etablieren ein biopolitisches Regulationssystem.

Das Bürgertum „hat sein Leben und seinen Tod an den Sex gehängt, indem es ihn für seine künftige Gesundheit verantwortlich machte; es hat in ihm seine Zukunft besetzt – in seine Zukunft investiert, da es von ihm unabwendbare Auswirkungen auf seine Nachkommenschaft erwartete“ (ebd.149).

Diese politische Regulierung des Biologischen in Form der Vererbung politisiert nun das Leben an sich. Nicht nur Lebensweisen, also die Art und Weise, wie ein menschliches Leben geführt wird, sondern das Leben selbst wird zum Verhandlungsgegenstand. „Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht“ (ebd. 171). Dies wird zum zentralen politischen Wendepunkt, der große Probleme in sich birgt.

„Unsere Politik kennt heute keinen anderen Wert […] als das Leben, und solange die Widersprüche, die sich daraus ergeben, nicht gelöst sind, werden Nazismus und Faschismus, welche die Entscheidung über das nackte Leben zum höchsten politischen Kriterium erhoben haben, bedrohlich aktuell bleiben“ (Agamben 2002, 20).

Giorgio Agamben unterscheidet in seiner Studie „Homo Sacer“ zwei Begrifflichkeiten von „Leben“, die er von den griechischen Begriffen zoe und bios ableitet, und fasst damit die vorher getroffene Unterscheidung von Leben und Lebensweise: „zoe meinte die einfache Tatsache des Lebens, die allen Lebewesen gemein ist […], bios dagegen bezeichnete die Form oder Art und Weise des Lebens, die einem Einzelnen oder einer Gruppe eigen ist“ (ebd. 11). Für den Begriff zoe wurde in der deutschen Übersetzung „das nackte Leben“ gewählt, diese Begrifflichkeit werde ich in der Folge übernehmen.

Das verhandelbare nackte Leben tritt bei Agamben in Form des Homo Sacer auf, einer Figur aus dem römischen Recht, die „getötet werden kann, aber nicht geopfert werden darf“ (ebd. 18). Es ist gewissermaßen die Figur des Ausgestoßenen, der straflos getötet werden kann, vogelfrei ist, da er außerhalb des Gesetzes steht (und nicht geopfert werden kann, weil er auch aus dem religiösen Recht ausgeschlossen ist) und der als Gegenpol zum Souverän diesen konstituiert.

Laut Agamben zeichnet sich die moderne Demokratie dadurch aus, „das nackte Leben selbst in Lebensform zu verwandeln und sozusagen den bios der zoe zu finden“ (ebd. 20). Die vollkommene Überlappung von bios und zoe liegt im Ausnahmezustand vor, dessen wesentlicher Zug „in der Unmöglichkeit liegt, das Gesetz vom Leben zu unterscheiden“ (ebd. 64). Das Leben wird also vollkommen dem Gesetz unterworfen und repräsentiert es.6 Hier, im Ausnahmezustand, besteht völlige Souveränität über das nackte Leben. „Souverän ist derjenige, dem gegenüber alle Menschen potentiell homines sacri sind, und homo sacer ist derjenige, dem gegenüber alle Menschen als Souveräne handeln“ (ebd. 94). Der homo sacer ist gewissermaßen das Gedächtnis an das in Bann genommene Leben, der Ausschließung vom Recht (dem weltlichen wie dem göttlichen). (vgl. ebd. 93)

Dieses verbannte Leben fand sich im Nationalsozialismus im Konzentrationslager wieder, gewissermaßen der Verortung des permanenten Ausnahmezustands, der Jude war die Verkörperung des homo sacer, über dessen Körper souverän geherrscht werden konnte. „Nur weil die Politik in unserer Zeit vollständig Biopolitik geworden ist, hat sie sich bis anhin nicht gekanntem Maß als totalitäre Politik konstituieren können“ (ebd. 128). „Das Lager ist der Raum, der sich öffnet, wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt“ (ebd. 177).

Hier befindet man sich auf dem Kreuzungspunkt, an dem „Biopolitik zwangsläufig in Thanatopolitik umkippt“ (ebd. 151). Lebensunwertes Leben betritt die politische Bühne, „es ist […] ein politischer Begriff, der die extreme Metamorphose des tötbaren und nicht opferbaren Lebens betrifft, das der homo sacer verkörpert und auf dem sich die souveräne Macht gründet“ (ebd.). Die Euthanasie „steht an der Kreuzung zwischen der souveränen Entscheidung über das tötbare Leben und der Übernahme der Sorge um den biopolitischen Volkskörper“ (ebd.).

Agambens Problematik hat durchaus nicht an Aktualität verloren, betrachtet man die zunehmende Etablierung des Ausnahmezustandes, sei es nun das Lager in Quantanamo oder den Umgang mit der RAF vor allem im Herbst 1977 etc.

„Wenn es dem Souverän, insofern er über den Ausnahmezustand entscheidet, zu allen Zeiten zukommt, darüber zu entscheiden, welches Leben getötet werden kann, ohne dass ein Mord begangen wird, dann tendiert diese Macht im Zeitalter der Biopolitik dazu, sich vom Ausnahmezustand zu emanzipieren, um sich in die Macht über die Entscheidung zu transformieren, an welchem Punkt das Leben aufhört, politisch relevant zu sein. […] In der modernen Biopolitik ist derjenige souverän, der über den Wert des Lebens als solches entscheidet.“ (ebd.)

Mit dieser Politisierung des Lebens an sich, mit der zentralen Bedeutung, die dem Leben im biopolitischen Zeitalter zukommt, haben wir nun eine Verortung vorgenommen. Es ist nun der historische Rahmen gesteckt, innerhalb dessen sich die weiteren Untersuchungen bewegen.

Der Diskurs

Autoren7 und ihre Texte

Man sieht daraus gleich, dass mit der Gegenüberstellung objektiv-subjektiv hier nicht viel zu erfassen ist. Dass ihre Phantasien nicht ‚objektiv’ genannt werden können, darüber besteht große Einigkeit; subjektiv sind sie aber genauso wenig. Sie haben deutlichen Gruppencharakter, sind modellhaft, bei vielen fast identisch Sie sind also deutlich anti-individuell, anti-subjektiv. Diese Sprache will vom Objekt genauso wenig wissen wie vom Subjekt. Es sieht so aus, als hätte sie sogar fiktive Autoren, einen einzigen fiktiven Autor. (Theweleit 2002, 96)

Wie schon angemerkt, stellen sich bei den behandelten Texten und Diskursen einige Fragen. Wieso sollten einzelne Texte Aussagekraft über gesellschaftliche Zusammenhänge haben? Wie kann bestimmt werden, welche Wirkung die Texte hatten und wie viel sie über den kulturellen Rahmen, innerhalb dessen sie geschrieben wurden, aussagen? Welche Intention hatte der Autor mit dem Text? Gerade bei den einleitenden Bemerkungen zu Weininger stellen sich diese Fragen noch stärker, weil man auch einen Weg finden muss, mit seiner jüdischen Herkunft und dem gleichzeitigen Antisemitismusvorwurf umzugehen.8 Einen Weg, mit diesem Problem umzugehen, liefert Roland Barthes in seinem Aufsatz „Der Tod des Autors“. Die folgenden Absätze sind der Versuch, die Texte von ihren Autoren zu lösen, ihnen gewissermaßen ein eigenes Leben zu geben, die Perspektive von den Autoren hin zu den LeserInnen zu verlagern, zur Rezeption und zum Medium – zur Sprache.

Barthes vertritt in dem angesprochenen Aufsatz, in dem er sich mit der Position des/der modernen AutorIn auseinandersetzt, die Position, dass es „die Sprache [ist], die spricht, nicht der Autor“ (Barthes 2002, 105). „Der Text wird von nun an so gemacht und gelesen, dass der Autor in jeder Hinsicht verschwindet“ (ebd., 107). Der moderne Autor „hat überhaupt keine Existenz, die seinem Schreiben voranginge oder es überstiege, er ist in keiner Hinsicht das Subjekt, dessen Prädikat sein Buch wäre. Es gibt nur die Zeit der Äußerung, und jeder Text ist immer hier und jetzt geschrieben“ (ebd.). Barthes nimmt also eine Wende im Umgang mit Texten vor, indem er die Position des Autors relativiert. Entscheidend ist vielmehr der Akt der Wahrnehmung des Textes, die Interpretation und das Medium Sprache selbst. Eine Position, die sicherlich dem Umgang mit Literatur im NS-Staat Rechnung tragen kann. Schließlich wurde eine Vielzahl von AutorInnen, PhilosophInnen etc. vom Nationalsozialismus vereinnahmt, Texte und Begriffe die zuvor von anderen Strömungen benutzt wurden und in ihrer Deutung stets einem Wandel unterliegen.

Ganz im Zeichen des Diskursbegriffs relativiert er auch das Konzept des autonomen Autors, dessen Texte die eigene Kopfgeburt wären. „Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur“ (ebd. 108). Die einzige Macht des Autors „besteht darin, die Schriften zu vermischen und sie miteinander zu konfrontieren, ohne sich jemals auf eine einzelne von ihnen zu stützen“ (ebd.).

Barthes weist dabei auch auf das Eigenleben von Sprache hin, auf die Wandelbarkeit der Bedeutung von Texten und Begriffen. „Die Schrift bildet unentwegt Sinn, aber nur, um ihn wieder aufzulösen. Sie führt zu einer systematischen Befreiung vom Sinn“ (ebd., 109). Eine „Fixierung des Sinns zu verweigern heißt letztlich, Gott und seine Hypostasen (die Vernunft, die Wissenschaft, das Gesetz) abzuweisen“ (ebd.).

Schließlich kommt Barthes zu dem Ort, an dem der Text wieder mit Bedeutung versehen wird. Nicht mehr der/die AutorIn hat das Deutungsmonopol, nicht mehr die Biographie und der Kontext des Autors sind relevant, sondern der Kontext und damit die Deutung des Lesers/der Leserin. „Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen. Es gibt aber einen Ort, an dem diese Vielfalt zusammentrifft, und dieser Ort ist nicht der Autor […] sondern der Leser. Der Leser ist der Raum, in dem sich alle Zitate, aus denen sich eine Schrift zusammensetzt, einschreiben, ohne dass ein einziges verloren ginge“ (ebd.).

Diesen Ansatz werde ich in der Folge anwenden. Es geht mir also nicht darum, Autoren zu präsentieren und ihre Stellung in der antisemitischen/faschistischen Bewegung zu thematisieren, sondern es wird darum gehen, Texte zu analysieren und sie als Symbole bestimmter Diskurse zu deuten. Zentral wird dabei sein, Gemeinsamkeiten in den Texten zu finden, Begrifflichkeiten, Argumentationslinien und deren Bedeutung im antisemitischen Kontext herauszuarbeiten, also zentrale Bilder/Zuschreibungen des jüdischen Körpers, des weiblichen wie des männlichen, herauszuarbeiten und aufzuschlüsseln.

Exkurs: Der Plagiatsteufel

Das Ende des 19. Jahrhunderts ist durch ein verstärktes Auftreten biologischer und psychologischer Werke gekennzeichnet, die das weibliche Geschlecht diffamieren, eine Inflation, die an die Häufung theologisch-juridischer Studien über Hexen zur Zeit des „Malleus maleficarum“ (1487) denken läßt. (Le Rider 1985, 78)

Wie sehr Werke verschiedener Autoren in einem kulturellen Kontext stehen, wie sehr sie von hegemonialen Diskursen durchdrungen sind, zeigt sich sehr schön anhand einer Plagiatsaffäre, an der auch Otto Weininger beteiligt war.9

Paul Julius Moebius war einer der bekanntesten Antifeministen seiner Zeit. Nachdem Weiningers „Geschlecht und Charakter“ erschienen war, fühlte er sich von Weininger plagiiert, genauso ging es einem Freund und Kollegen Sigmund Freuds, Wilhelm Fließ (vgl. Le Rider 1985, 78). In Moebius´ „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ finden sich tatsächlich frappierend ähnliche Stellen, wie die schon in der Einleitung von Weininger zitierten. So schreibt Moebius z.B. über die Minderwertigkeit der Frauen, die moralisch schwachsinnig wären und nichts Neues hervorbrächten, selbst in den Gebieten, zu denen sie Zugang hätten. Frauen seien niemals schöpferisch, es hätte niemals eine große Künstlerin gegeben etc. (vgl. ebd., 81f.). In der Einleitung von „Geschlecht und Entartung“ stellt Moebius fest, dass Weiningers Titel ein Plagiat seiner eigenen Titelreihe sei. (Es erschienen mehrere Abhandlung von ihm mit den Titeln „Geschlecht und …“) Weininger bedrohte Moebius noch kurz vor seinem Selbstmord in einem Brief mit rechtlichen Schritten, wenn dieser die Plagiatsvorwürfe nicht zurücknehmen würde (vgl. ebd. 82f.).

Wilhelm Fließ veröffentlichte 1897 ein Buch mit dem Titel „Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen Geschlechtsorganen, in ihrer biologischen Bedeutung dargestellt“. In diesem Buch beschreibt er, dass die Menstruation mit Symptomen verbunden sei, die sich auf die Nase auswirkten. Bei Fließ haben beide Geschlechter einen Periodenzyklus10, der bei Frauen 28 Tage, bei Männern 23 Tage lang dauere. Diese Perioden entsprächen der bisexuellen Konstitution des Menschen (vgl. ebd., 84), die auch Weininger annimmt. „Die Idee der Bisexualität und der damit verbundenen Periodizität taucht auch in ‚Geschlecht und Charakter’ wieder auf“ (ebd.). Im Nachwort eines Buches von Fließ heißt es anklagend, der „inzwischen verstorbene Otto Weininger hat die dauernde Bisexualität […] für sich reklamiert“ (Fließ, zit. n. Le Rider 1985, 85).

Fließ beschuldigte Freud, Informationen über seine Theorien an seine Schüler Swoboda (ein Freund Weiningers) und Weininger selbst weitergegeben zu haben. Dieser wiederum war in einem Briefwechsel sehr bemüht, klarzustellen, keine Details preisgegeben zu haben (vgl. Le Rider 1985, 92).

Symptomatisch für diesen Diskurs ist wohl die folgende Feststellung Freuds. Er betont in dem Briefwechsel mehrere Male, dass die Theorie der Bisexualität zu dieser Zeit nichts Neues war. „Der Gesichtspunkt der allgemeinen Homosexualität und Bisexualität war damals längst akzeptiert und musste in der Kur jedes Patienten betont werden“ (Freud, zit. n. Le Rider 1985, 95). Diese Affäre kann, wie auch immer der tatsächliche Sachverhalt des „Gedankendiebstahls“ war, als Beispiel dafür gelten, wie Ideen im Kontext eines bestimmten Diskurses aus diesem gefolgert werden können, ohne dass ein originärer Ursprung, eine zündende Idee, bei einer bestimmten Person lokalisiert werden kann.

Die Wirkung des Diskurses

Was wir waren oder sind, ist den Zu- und Wechselfällen der Geschichte überlassen. (Bublitz 2003, 46)

Wie es zu der angesprochenen Plagiatsaffäre kommen konnte, wurde bereits angedeutet. Ich werde das nun genauer untersuchen, indem ich die Wirkung im Sinne der Wahrheitswirkung von Diskursen darstelle. Die Frage ist, was innerhalb bestimmter Diskurse als wahr gilt, bzw. wie Diskurse zu gesellschaftlichen Wahrheiten werden.

„Was als real gilt, geht aus der empirischen, diskursiven Ordnung der Kultur hervor, die den Modus für Wirklichkeit des Menschen bereitstellt. Sie bildet das dem konkreten Subjekt vorgängige, vor aller Erfahrung liegende Ordnungsmuster sozialer Wirklichkeit“ (Bublitz 2003, 46).

Foucault geht in dieser Frage von einem „historischen Apriori“ aus. Es ist der Diskurs, „der historische Denkrahmen, der unbewusst das Denken der Subjekte und die Ordnung der Dinge bestimmt“ (ebd., 47). Es gibt kulturelle Codes, die subjektlos und anonym sind. „Sie bilden nicht die spiegelbildliche Darstellung eines individuellen Bewusstseins, der Absichten eines bewusst agierenden (Geschichts-)Subjekts. Denken und Sprache werden losgelöst von der konstruierenden Aktivität eines Subjekts analysiert“ (ebd.). Die Annahme hier ist also, dass es ein Ordnungsmuster sozialer Wirklichkeit gibt, das allen Erkenntnisprozessen vorausgeht, das die Denkprozesse bestimmt und strukturiert.

„Vor aller Rede, vor aller menschlichen Praxis und wissenschaftlichen Reflexion gibt es eine fundamentale diskursive Ordnung, die das Verhältnis der Menschen zu den Dingen ebenso regelt wie sie den Ordnungsraum des Wissens konstituiert“ (ebd., vgl. Foucault, 1971, 23f.).

Folgt man diesen theoretischen Annahmen, wird es durchaus nachvollziehbar, wieso mehrere Wissenschafter zu etwa derselben Zeit von gleichen theoretischen Voraussetzungen und Annahmen ausgehen und zu ähnlichen Forschungsergebnissen kommen, wenn sie noch dazu so stark im selben diskursiven Feld und kulturellen Kontext agieren. Es handelt sich um eine diskurs-, wirklichkeits- und wahrheitskonstituierende Macht, die „Menschen in den semantischen Rahmen einer bestimmten Weltauslegung zwängt“ (Honneth, zit.n. Bublitz 2003, 56).

Was als wahr gilt, ist demzufolge nur innerhalb einer bestimmten diskursiven Ordnung wahr. „Soziale Wirklichkeit, Gesellschaft, Individuum, Subjekt, körperliche Materialität und Sexualität werden ebenso wie spezifische Identitätskategorien nicht als präexistierende Gegebenheiten vorausgesetzt. Sie stellen keine immer schon vorhandene objektive Realität dar, die im Sinne der Abbildung einer Realität bloß symbolisch repräsentiert werden. Die ‚Dinge’ haben jenseits oder vor ihrer und das heißt, sprachlichen und sozialen Konstruktion kein inneres, ursprüngliches Wesen […]. Diskurse bringen das hervor, was sie bezeichnen“ (ebd. 55).

Es ist wichtig dabei festzuhalten, dass jeder „Ort des Wissens […] zugleich ein Ort der Machtausübung“ (ebd. 59) ist. Diskurse sind demnach Gegenstand von politischen Kämpfen (vgl. Foucault 1981, 158).Diese Macht ist, wie schon angedeutet, eine hervorbringende und subjektlose Macht, die das, was sie benennt, materialisiert.

„Wissen und Macht schließen sich zu wirkungsvollen Komplexen, zu Macht-Wissens-Komplexen zusammen, die diskursiv gesteuert ein Regime des Wissens bilden. In ihnen schließen sich heterogene Diskurse zu homogenen, hegemonial wirkenden Dispositiven zusammen. In ihrer Verschränkung erzeugen sie eine Stabilität der Macht, die die Wirkung kohärenter Deutungsmuster oder Ideologien insofern übersteigt, als sie flexible und durchaus widerstreitende, sich verstreuende Formen der Verkettung bilden und sich immer wieder neu und anders formieren“ (Bublitz 2003, 59).

Diese hervorbringende diskursive Macht soll nun auf dem Feld des Körpers genauer dargestellt und verdeutlicht werden. Ich werde dabei vor allem auf die Theorien Judith Butlers zurückgreifen, um die bis jetzt behandelten theoretischen Grundannahmen für die Bilder von jüdischen Körpern, also für den Gegenstand dieser Abhandlung, nutzbar zu machen.

Der Körper als Erscheinung des Diskurses / Textkörper / Körpertexte

Judith Butler hat darauf hingewiesen, dass kein vordiskursiver Blick auf den Körper möglich ist. „Jeder Blick auf die Welt ist diskursiv gerahmt und trägt damit eine je nach historischem Zeitpunkt und soziokulturellem, politischen Kontext eine spezifische Brille“ (Villa 2003, 18). Bei Butler geht es dabei vor allem um Geschlechtskörper und wie diese diskursiv erzeugt werden. Da sie aber eine Methode anbietet, die erklären kann, wie Körper bzw. Bilder von Körpern entstehen, kann ihr Konzept der Performativität ohne weiteres auf andere Körperkonstruktionen umgelegt werden. Zudem wirft gerade der hier behandelte Forschungsbereich Fragen dazu auf, was Geschlechter eigentlich sind und wie die dazugehörigen Körper materialisiert werden.

Wir müssen also davon ausgehen, dass Körper, sofern sie nicht wertfrei betrachtetet werden können, sich bestens als Politikfeld eignen, insbesondere in dem zuvor beschriebenen „Biopolitischen Zeitalter“. Im Bereich des Geschlechts stellt sich in diesem Zusammenhang also folgende Frage: „Werden die angeblich natürlichen Sachverhalte des Geschlechts nicht in Wirklichkeit diskursiv produziert, nämlich durch verschiedene wissenschaftliche Diskurse, die im Dienste anderer politischer und gesellschaftlicher Interessen stehen?“ (Butler 1991, 23f.) Beantwortet man diese Frage wie Butler mit einem „Ja“, so stellt sich die Frage, ob die klassische Trennung zwischen „sex“ und „gender“, also zwischen biologischem und kulturellem Geschlecht, noch weiter aufrecht erhalten werden kann. In der Frage der Zuschreibungen an den jüdischen Körper hätte sich damals dieselbe Frage auf dem Feld der Rassentheorien gestellt. (Sind die biologischen Zuschreibungen an die „Jüdische Rasse“ nicht in Wirklichkeit von bestimmten Diskursen kulturell produziert?) Die Frage ist also, ob sex nicht immer schon gender gewesen ist, bzw. ob das angeblich Biologische/Natürliche nicht schon immer kulturell vermittelt war. Butler kommt zu dem Ergebnis, dass diese Trennung nicht aufrecht zu erhalten ist. „Man kann nämlich den Körpern keine Existenz zusprechen, die der Markierung ihres Geschlechts vorherginge“ (ebd. 26).

Wenn es aber kulturell verhandelbare Eigenschaften sind, die mit der Politisierung des nackten Lebens am Körper biologisch festgeschrieben werden sollen, muss es sich dabei um eine Machtstrategie handeln, eine gewisse Gesellschaftsordnung zu festigen. In „Empire“ haben Hardt und Negri es folgendermaßen formuliert: Ihr Konstrukt, also das Empire, sei „eine Ordnung, die Geschichte vollständig suspendiert und dadurch die bestehende Lage der Dinge für die Ewigkeit festschreibt“ (Hardt/Negri 2002, 13). „Das Empire präsentiert seine Ordnung als beständig, ewig und notwendig“ (ebd. 27). Im Kontext dieser Machtstrategie ist es wohl auch zu sehen, wenn Körpern gewisse unveränderliche Eigenschaften zugeschrieben werden, die eben in ihrer Natur lägen. Tatsächlich finden wir nicht nur im Bereich des Rassismus und Antisemitismus, wie im Folgekapitel gezeigt werden wird, eine Wende von kulturellen hin zu biologischen Einschreibungen, sondern auch im Bereich der Geschlechterordnung. „Irgendwann im 18. Jahrhundert erfand man das Geschlecht, wie wir es kennen“ (Laqueur 1996, 172). „Als man den natürlichen Leib zum Goldstandard des gesellschaftlichen Diskurses machte, wurden die Frauenkörper – das seit je und für immer andere – folglich zum Schauplatz für eine Neuformulierung der uralten, intimen und fundamentalen Sozialbeziehung: derjenigen der Frau zu Mann. Fortan hatten Frauenkörper in ihrer körperlichen, wissenschaftlich zugänglichen Konkretheit ein enormes neues Gewicht an Bedeutung zu tragen. Anders gesagt, man erfand zwei biologische Geschlechter, um den sozialen eine neue Grundlage zu geben“ (ebd. 172f.). Langsam verblassten zu dieser Zeit jene Diskurse, die zuvor Gültigkeit hatten und von einem Ein-Geschlechter-Modell ausgingen.11 „Der Kontext für die Artikulierung zweier inkommensurabler Geschlechter war jedoch weder eine Theorie des Wissens noch Zuwachs an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Kontext war die Politik“ (ebd. 175). Ein bestimmtes Gender-Konzept wurde damit gewissermaßen biologisch festgeschrieben, zu sex gemacht.

Und eben darum geht es im Performativitätskonzept von Judith Butler. Die Frage, wie Begrifflichkeiten, in unserem Kontext z.B. die Frau oder der Jude bzw. deren Körper, mit Bedeutungen aufgeladen werden, ist ein zentraler Punkt in ihrer Theorie. Butler steht dabei in einer sprachtheoretischen Tradition, jener der Sprechakttheorie. Austin stellte in seinen Vorlesungen zur Theorie der Sprechakte fest, dass bei performativen Äußerungen, „etwas sagen etwas tun heißt“ (Austin 2002a, 63). Als Beispiel stelle man sich etwa eineN RichterIn vor, die/der eine Verurteilung ausspricht und diese somit auch ausführt. Zudem ist bei performativen Äußerungen entscheidend, ob sie glücken oder nicht, also nicht, ob sie wahr oder falsch sind (vgl. Austin 2002b, 72). Ob sie glücken, hängt von mehreren Faktoren ab, wie etwa der Autorisierung der Person, die den Sprechakt ausführt, ob der Kontext des Verfahrens stimmt (z.B. kein Gerichtsspruch auf dem Standesamt), die Beteiligten das Verfahren korrekt ausführen, die Beteiligten sich nachher auch dementsprechend verhalten, usw. (vgl. Austin 2002a, 65). Die entscheidende Frage für Austin ist nun, ob sich konstative Äußerungen in dieser Hinsicht tatsächlich von performativen Äußerungen unterscheiden und er kommt zu dem Schluss, dass eine solche Entscheidung nicht aufrechterhalten werden könne. So setzt eine Feststellung z.B. ebenfalls „die Existenz dessen, worüber sie spricht“ (Austin 2002b, 75) voraus, damit sie glücken kann. Das Gesagte muss ebenfalls verstanden werden, was auch „für viele andere illokutionäre12 Akte […] wesentlich ist“ (ebd. 76). Haben „wir uns einmal klargemacht, dass wir nicht den Satz, sondern die Äußerung in einer Sprechsituation untersuchen müssen, dann können wir überhaupt nicht mehr übersehen, dass eine Handlung vollzieht, wer eine Feststellung trifft.“ Wir können auch „damit, dass wir Feststellungen treffen, alle möglichen perlokutionären Akte vollziehen“ (ebd.).

Die Erkenntnis, dass mit konstativen Äußerungen genauso etwas getan wird und dass sie ebenfalls glücken können oder nicht, scheint für das Verständnis Butlers wichtig zu sein. Es handelt sich um Definitionsmacht, die etwa bei dem Ausspruch „es ist ein Mädchen“, oder „sie ist eine Jüdin“ zum Tragen kommt. Bei Butler ist Performativität eine „ständig wiederholende und zitierende Praxis, durch die der Diskurs die Wirkung erzeugt, die er benennt“ (Butler 1997, 22). Die beiden Pole Zitat und Wiederholung sind hier zentral. Wie wir schon bei Austin gesehen haben, müssen gewisse Voraussetzungen gegeben sein, damit ein performativer Sprechakt glückt. So weist auch Butler darauf hin, dass der performative Akt verstanden werden muss, also als Zitat schon vorhanden sein muss, damit er wiederholt werden kann. „Damit ein Performativ funktionieren kann, muss es aus einem Satz sprachlicher Konventionen schöpfen und diese Konventionen, die traditionell funktioniert haben, rezitieren, um eine gewisse Art von Effekten hervorzurufen. Die Kraft der Effektivität eines Performativs hängt von der Möglichkeit ab, sich auf die Geschichtlichkeit dieser Konventionen in einer gegenwärtigen Handlung zu beziehen und sie zu kodieren. Diese Macht des Rezitierens ist nicht Funktion der Intention des Einzelnen, sondern Effekt der historisch abgelagerten sprachlichen Konventionen“ (Butler, zit.n. Bublitz 2002, 33). Jeder Sprechakt besitzt also eine historische Dimension. Bedeutungen, die in bestimmten Sprechakten abgelagert wurden, treten im Moment der Äußerung hervor. „Der illokutionäre Sprechakt vollzieht die Tat im Augenblick der Äußerung. Da dieser jedoch ritualisiert ist, handelt es sich niemals bloß um einen einzelnen Augenblick. Der ritualisierte Augenblick stellt vielmehr eine kondensierte Geschichtlichkeit dar: Er überschreitet sich selbst in die Vergangenheit und die Zukunft, insofern er ein Effekt vorgängiger und zukünftiger Beschwörungen der Konvention ist, die den einzelnen Fall der Äußerung konstituieren und sich ihm gleichzeitig entziehen“ (Butler 1998, 12).

Auf die Frage, was denn nun männlich oder weiblich sei, bedeutet dieser Zugang, dass es keine Essenz dieser Begriffe geben kann, dass sie immer mit Werten aufgeladen sind. „Schon die Vorstellung eines essentiellen Geschlechts, einer wahren oder bleibenden Männlichkeit oder Weiblichkeit, ist konstruiert als Teil jener Strategie, mit der der performative Aspekt der Geschlechterzugehörigkeit verschleiert wird“ (Butler 2002, 316). Das soll nicht bedeuten, dass es den weiblichen Körper nicht gäbe, dass dieser Ansatz den Körper als ganzes ignorieren oder verschwinden lassen würde. Wenn man zur Verdeutlichung ein Gegensatzpaar annehmen würde, nämlich Frau-Sein und Weiblich-Sein im Sinne Beauvoirs, so bedeutet weiblich sein „nach dieser Unterscheidung eine Faktizität ohne Bedeutung, eine Frau sein hingegen heißt, eine Frau geworden sein, heißt den Körper zwingen, sich einer historischen Idee von ‚Frau’ anzupassen, heißt den Körper zu einem kulturellen Zeichen machen, sich selbst in der gehorsamen Befolgung einer historisch beschränkten Möglichkeit materialisieren und dies als nachhaltiges und wiederholtes körperliches Projekt tun“ (ebd. 305).

Wir sehen also, dass es sich bei Körpern und Identitäten, in dem behandelten Fall der geschlechtlichen, um ein politisches Feld handelt, das Körper ständig durch Zitat und Wiederholung mit kulturellen Werten aufgeladen werden. Diesen Mechanismus werde ich in der Folge auf die jüdischen Identitätskonstrukte anwenden, auf die Sichtweisen über den jüdischen Körper. Dazu seien zwei Punkte noch einmal ins Gedächtnis gerufen:

„Foucault und Butler betrachten den Körper – ebenso wie das Subjekt, Identität und Geschlecht – als Verkörperung von abgelagerten Diskursen“ (Bublitz 2002, 27). Diskurse sind Praktiken, „die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ (Foucault 1981, 74)

Antisemitismus und Antijudaismus 

Julius Streicher, Herausgeber des nationalsozialistischen Hetzblattes „Der Stürmer“, sagte bei den Nürnberger Prozessen auf die Frage, ob es noch andere antisemitische Blätter in Deutschland gab, folgendes aus: „Antisemitische Presseerzeugnisse gab es in Deutschland durch Jahrhunderte. Es wurde bei mir zum Beispiel ein Buch beschlagnahmt von Dr. Martin Luther. […] In dem Buch ‚Die Juden und ihre Lügen’ schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezücht, man sollte ihre Synagogen niederbrennen, man soll sie vernichten“ (Streicher, Julius, zit. n. Hoffmann 1994, 293).

Diese Aussage stellt ein Problem dar, nämlich das Problem der Differenzierung von verschiedenen Spielarten des Antisemitismus bzw. Antijudaismus. Das Augenmerk dieses Abschnitts liegt nun darin, zu untersuchen, ob sich der kulturelle, also im Fall Europas vor allem christlich geprägte Antijudaismus tatsächlich vom rassistischen Antisemitismus abgrenzen lässt. Interessant erscheint mir hier, wie sich bestimmte Stereotype bzw. Bilder von Juden und Jüdinnen vom Antijudaismus in den Antisemitismus weiter getragen haben und ob diese beiden Phänomene nicht an diesen Punkten verschwimmen und nicht mehr trennbar sind. Konkret also, ob aus dem Blickwinkel dieser Arbeit eine Trennlinie gezogen werden muss oder nicht.

Die Rolle, die der christliche Antijudaismus für den rassistischen Antisemitismus gespielt hat, ist wohl am ehesten als eine Zubringerfunktion zu charakterisieren (vgl. Henze 1998, 93). „Christlicher Antijudaismus ist ein Bestandteil, ein Versatzstück des Rassenantisemitismus und hat in dieser Hinsicht dazu beigetragen, dass Auschwitz möglich werden konnte“ (ebd.).

Wie groß die Verstrickungen zwischen Christentum und Rassentheorien waren, zeigen wohl auch die Versuche ab dem 19. Jahrhundert, also ab dem Aufkommen der Rassentheorien, aus Jesus einen Arier zu machen13(vgl. Fenske 2005, 30ff.).

Allgemein kann man sagen, dass mit dem Prozess der Säkularisierung auch eine Säkularisierung von christlichen Bildern stattgefunden hat, die sich besonders stark in der nationalsozialistischen Weltanschauung finden. „Ein Gutteil der Anziehungskraft des Nationalsozialismus beruhte eben darauf, dass die Symbolik, derer er sich bediente, auf uralten, vom Christentum über Jahrhunderte transportierten Heilsbotschaften beruhte, nur verweisen sie hier auf keine transzendente, sondern auf eine biologistische Wahrheit: die Wahrheit vom arischen Körper, dem biologischen Christen“ (Braun 2005, 69). Viele Elemente des christlichen Antijudaismus wurden im rassistischen Antisemitismus aufgenommen und fortgeschrieben. Die zentralen Begriffe waren der des Opfers, der Begriff der Reinheit oder des Märtyrerkultes (vgl. ebd.).

Der Opfertod ist zentraler Bestandteil der Erlösungsbotschaften sowohl des Nationalsozialismus, als auch der christlichen Religion. Trotz dieser zentralen Bedeutung des Opfers wird „wie im Neuen Testament die Kreuzigung des Herrn, […] auch die ‚Hinrichtung’ der Nation zur ‚Schuld’ des Juden erklärt“ (ebd. 70). An diesem Punkt wird die Zweischneidigkeit des Säkularisierungsprozesses besonders deutlich. Einerseits die Säkularisierung des Weltlichen, andererseits die Verweltlichung des Transzendenten (vgl. ebd.).

Dieser doppelte Prozess der Säkularisierung vollzog sich auch mit dem Begriff der Reinheit. Im Christentum führt die Opferung des Reinen, weil nicht mit fleischlicher Begierde gezeugten, zur Erlösung von der Erbsünde (vgl. ebd. 71). Diese Reinheit bedeutet in den antisemitischen Diskursen nun Reinheit des Blutes. Der Geschlechtsverkehr unter ArierInnen wurde nun als rein erklärt und die Sexualität mit den „Anderen“ als Blutschande wahrgenommen. „Aus der inzestuösen ‚Blutschande’ wurde die ‚Sünde’ des Verkehrs mit dem anderen, dem fremden Blut“14 (ebd. 72). Mit dem fremden Blut war durchwegs das jüdische Blut gemeint. „Aus dem ‚reinen Blut des Erlösers’ wird das ‚reine Blut der Rasse’“ (Braun 1990, 150).

Dass dieses Reinheitsmotiv im Christentum leicht dazu tendiert, zu einem biologischen Prinzip umgedeutet zu werden, zeigt sich auch an Beispielen aus der Geschichte des Christentums selbst. In Spanien setzten ab dem Ende des 14. Jahrhunderts antijüdische Pogrome ein. In der Folge beschlossen viele Jüdinnen und Juden, sich zu assimilieren, in diesem Fall also sich taufen zu lassen. Schätzungen sprechen davon, dass mindestens die Hälfte der jüdischen Gemeinde diesen Weg einschlug, um der Ermordung zu entgehen (vgl. Braun 1990, 154). Nachdem diese Masse an Jüdinnen und Juden zum Christentum konvertierte, wurde nach anderen Mitteln der Ausgrenzung gesucht, da diese aufgrund der christlichen Taufe rechtlich nicht mehr möglich war. „In dieser Situation begannen die Herkunft und das Blut des Christen zunehmend eine Rolle zu spielen“ (ebd. 155). Es wurden Statuten über die Reinheit des Blutes geschaffen. In der Folge entschied die Herkunft, das Blut, darüber, „wer ein ‚echter’ Christ sei und somit in einem christlichen Staat eine gehobene Stellung einnehmen durfte“ (ebd. 156). Diese rassistischen Definitionen von jüdischem Blut gingen weiter zurück als der Arierpass im NS-Staat. „Um ein Feind der Christen, von Christus und seines Heiligen Gesetzes zu sein, bedarf es nicht eines jüdischen Vaters und einer jüdischen Mutter. Ein Elternteil alleine genügt. Es will nichts bedeuten, dass der Vater nicht Jude ist; die Mutter genügt. Und selbst wenn sie nicht völlig jüdisch ist, schon die Hälfte genügt; und selbst wenn sie das nicht ist, auch ein Viertel genügt oder selbst ein Achtel. Die Heilige Inquisition hat in unserer Zeit entdeckt, dass das jüdische Blut sich bis ins einundzwanzigste Glied fortsetzt“ (Pater Torrejoncillo, zit.n. Braun 1990, 156)15.

„Diese verweltlichten, biologisierten und sexualisierten Bilder der Geschlechter sollten prägend werden für das arische Körperbild sowie für die arischen Phantasien vom Körper der Juden, dessen Physiognomie und Physiologie in jeder Beziehung das Gegenbild zum Arier darstellte und dessen Funktion als biologisch und rassistisch geprägtes Bild es war, der Imagination vom Arier eine ‚reale’ Gestalt zu verleihen“ (Braun 2005, 73).

„Wenn der Nationalsozialismus die christliche Kirche bekämpfte, so nicht wegen ihrer Andersartigkeit, sondern weil zwei Religionen von solcher Ähnlichkeit nicht nebeneinander bestehen konnten“ (Braun 1990, 150).

Wie ich an einigen Beispielen zu zeigen versucht habe, wurden vom rassistischen Antisemitismus die wesentlichen Bilder des christlichen Antijudaismus übernommen, besonders wenn es sich um Sexualbilder handelt.16 Zwar soll hier nicht geleugnet werden, dass Antisemitismus und Antijudaismus verschiedene Erscheinungsformen des Judenhasses sind, es soll nicht behauptet werden, dass es keinen Unterschied gäbe, für den Blickpunkt dieser Arbeit aber ist eine genaue Differenzierung beider Phänomene nicht notwendig, da die untersuchten Konstruktionen in beiden Phänomenen auftauchen bzw. sich weiter tragen.

Diskurse über die jüdischen Körper und ihre Sexualität

An dieser Stelle folgt nun die empirische Darstellung der Diskurse über die Jüdin und den Juden. Es handelt sich dabei sowohl um kulturelle Zuschreibungen an die Sexualität, als auch um biologische Geschlechterentwürfe.

Ich werde versuchen, einen möglichst großen Überblick über jene Bilder zu geben, die den Juden und die Jüdin zu Gegenentwürfen der hegemonialen Wertvorstellungen machten, bzw. einen Angriff darauf konstruierten.

Hier wird es noch nicht so sehr um die Deutung dieser Konstrukte gehen, sondern es wird eher eine Art Bestandsaufnahme sein über das Material, das in der Sekundärliteratur bisher aufgearbeitet wurde. Da es noch nicht viele Publikationen zu dem Thema gibt und die simple Darstellung nicht das Ziel der Arbeit ist, wird es ein überblicksartiger Umriss des derzeitigen Forschungsstandes sein. Die Zusammenführung mit den theoretischen Annahmen aus dem vorigen Abschnitt und eine genauere Interpretation der Bedeutung dieser Bilder, wird im nächsten Abschnitt analysiert.

Bevor es also um die Untersuchung der aufgestellten Annahmen und Thesen geht, folgen nun Belege für die geschlechter- und sexualitätstheoretische Dimension des Antisemitismus.

Bilder der Jüdin

Die folgenden Kapitel werden nun eine Zusammenfassung der Theorien über jüdische Körper, deren Sexualität und die damit verbundenen Geschlechterbilder sein. Da in solchen Abhandlungen die jüdische Frau oft zu kurz kommt und die Analysen sich auf den jüdischen Mann beschränken, werde ich mit der Jüdin beginnen. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass es tatsächlich weniger Beispiele gibt, dass die jüdische Frau weniger thematisiert wurde als der jüdische Mann. Das ist vermutlich deshalb der Fall, weil die Frau im nationalsozialistischen Weltbild ohnehin in einer Geschlechterhierarchisierung meilenweit unter dem Mann stand, also nicht zusätzlich herabgewürdigt werden musste, um den weißen „arischen“ Mann an die Spitze dieser Wertigkeitsskala stellen zu können – Erhöhung durch Erniedrigung des Anderen.

In diesem Abschnitt greife ich auf eine längere Tradition zurück, auf eine längere Zeitspanne der Bilder, da sich diese wieder, wie im Theoriekapitel erwähnt, vom christlichen Antisemitismus/Antijudaismus weiter tragen. Es ist also durchaus interessant, die Bilder zu betrachten, die später unter biologischen Gesichtspunkten wieder auftauchen, auch um die Annahme des Theoriekapitels (das Ineinandergreifen/Ineinanderübergehen beider Formen des Judenhasses) untermauern zu können.

In Deutschland gab es dabei Bilder, die immer wieder auftauchten. Vor allem in Karikaturen sind diese Bilder gut zu sehen.

„Deutsche Karikaturisten, die um einiges später als ihre englischen Kollegen hervortraten, verwendeten mit erstaunlicher Beharrlichkeit zwei Typen jüdischer Frauen: ein längliches Gesicht mit langer, gebogener Nase, vollen Lippen und finsteren Augen; und ein froschartiges Gesicht mit platter Nase, breiter Oberlippe, kleinen Augen und hervorstehendem Unterkiefer; der zweite scheint allerdings dem Typus nach eher germanisch und slawisch zu sein“ (Paucker 1993, 31).

Dennoch gab es in der Wahrnehmung Unterschiede, je nachdem, welcher politischer Wille hinter dem jeweils gezeichneten Bild steckte.

„Die Karikaturisten des Simplicissimus nahmen sowohl die hässliche Jüdin aufs Korn, die selbstgefällig die Lebensgewohnheiten einer höheren sozialen Schicht imitiert, als auch die hübsche und wohlhabende jüdische Erbin, die mit einem Aristokraten verheiratet ist“ (ebd. 38).

Es gab Bilder der hässlichen Jüdin, die den jüdischen Mann herabwürdigen sollten, bzw. eine Gefahr für die arischen Frauen darstellten, da die jüdischen Männer aufgrund ihrer Hässlichkeit lieber zu deutschen Frauen „greifen“ würden. Andererseits gab es natürlich die jüdische Verführerin, die eine direkte Gefahr für den arischen Mann sein würde, der sich ihrer Reize nicht wehren könnte. „Zumindest vom ersten Drittel des 19. Jahrhunderts an gehörte der Topos ‚Die schöne Jüdin’ im deutschen Sprachraum zum allgemeinen Sprachgebrauch und kollektiven Bewusstsein“ (Krobb, 1993, 11).

Bei Phillipp Rupprecht („Fips“, Karikaturist im Stürmer) finden wir die hässliche Jüdin als Abgrenzung zur schönen arischen Rasse. „Die blonde, nackte Arierin, lüstern begafft und schamlos ausgenutzt und herabgewürdigt, macht die erotische oder vielmehr pornographische Seite seiner Tätigkeit aus. Und die Jüdin wird als so unglaublich hässlich dargestellt, dass Julius Streicher den Verdacht äußerte, hierin läge ein Grund für das vermeintliche Interesse jüdischer Männer an arischen Frauen. (Der Gedanke, dass ein arischer Mann von einer „schönen Jüdin“ verführt werden könnte, ist der von ‚Fips’ im Stürmer präsentierten Ideologie völlig fremd.)“ (ebd. 41).

Die hässliche Jüdin ist keine Gefahr für den arischen Mann, sie ist lediglich Ziel von Spötteleien.

„Auffällig an diesen Karikaturen ist auch, dass die Frauen nicht jenen abstoßend üblen Anwürfen ausgesetzt sind, die sich gegen jüdische Männer richten. Die Frauen, die viel mehr verlacht und verachtet als gefürchtet werden sollen, werden daher wie üblich als ordinär, protzig und hässlich verunglimpft“ (ebd.).

Diese Jüdinnenbilder dienten vor allem auch der Verunglimpfung des jüdischen Mannes, der hässliche Frauen hätte, bzw. die Frauen nicht im Griff hätte, da diese zu emanzipiert seien. Die Verbindung zwischen Emanzipation und Judentum findet sich erstaunlich oft. Und das ist auch ein Punkt, wo christliche Geschlechterrollen durchscheinen, die die jüdische Frau eben nicht erfüllen würde.

„Ihre Funktion war jedoch nicht eigenständig, sondern Teil der Darstellung des jüdischen Mannes, denn über eine negative Darstellung der Frau konnten die männlichen Repräsentanten der jüdischen Gemeinde diffamiert werden. Galt doch seit altersher der Mann, der seine Frau nicht im Zaum hielt, als verlachenswerter Hahnrei, der seinen von Gott bestimmten Pflichten nicht genügte“ (Jakubowski 1995, 196).

Die beiden verschiedenen Frauenbilder, nämlich das der Arierin und das der Jüdin, haben auch ihren Widerpart in der christlichen Antisemitismustradition. Dabei werden zwei Symbolfiguren aus der Bibel als Verkörperung der beiden gegensätzlichen Konzepte benutzt, nämlich Eva (Genesis, der Sündenfall) und Maria als keusche Gottesmutter.

„Männlich-christliche Wunsch- und Angstvorstellungen prägten […] die Darstellung jüdischer Frauen und prägen sie bis in die Gegenwart. Die christlich tradierte Antithese von Eva und Maria wird darin auf den Gegensatz Jüdin (Eva) – nichtjüdische Frau (Maria) übertragen, sozusagen säkularisiert. Jüdinnen verkörpern das christliche Sündenbild der aus ihr in der Genesis zugewiesenen Rolle – nach der sich die Frau dem Mann unterzuordnen hatte – ausbrechende Frau“ (Jakubowski 1995, 196).

Das christliche Frauen und Familienideal zieht sich dabei durch nahezu alle Darstellungen.

„Antisemitische Texte, befragt auf die Darstellung des Geschlechterverhältnisses und die Rolle der Frau darin, zeichnen daher in für die jüdische Minderheit diffamierender Form das Gegenbild christlicher Ehevorstellungen und häuslicher Intimität“ (ebd. 197).

Die aus der Geschlechterrolle ausbrechende Jüdin bedient dabei aber auch männliche Phantasien der Verfasser. Sexuelle Hemmungslosigkeit ist dabei nur ein Schlagwort von vielen. „Ebenso wie die Projektion des sexuell hemmungslosen Juden spiegelte dabei die der sexuell hemmungslosen jüdischen Frau – auf einer individuellen psychologischen Ebene – durchaus auch sexuelle Wünsche und gewalttätige erotische Phantasien der nichtjüdischen Verfasser, sowie eine verzerrte Neugier am Exotischen, Fremden der jüdischen Minderheit wider“ (ebd.).

Gerade die Darstellung als sexuell Hemmungslos tritt wieder aus einer christlichen Tradition hervor – die Frau mit sexuellem Verlangen als teuflische Verführerin, als Hexe.

„Sinnbild der teuflischen Sexualität der jüdischen Frau wird Eva. Sie ist in der christlichen Tradition die Verführerin Adams und damit die Hauptschuldige an der Erbsünde“ (ebd.).

Eine Darstellung von Eva als Hexe findet sich z.B. bei Eismenger, wo die Verknüpfung von Hexe und Sexualität sehr schön sichtbar ist.

„Im christlichen Hexenglauben können Hexen mit dem Teufel Kinder, wurmähnliche Elben, zeugen. Entsprechend vollzieht Eva – bei Eismenger – wie Adam den Beischlaf mit Teufeln, gebiert Teufel und ist damit hexenhaft sexuell aktiv. Die Hexe war das zeitgenössische Gegenbild zum Frauenideal der Reformation, der treuen Ehefrau und Mutter“ (ebd. 199).

Ganz in dieser Tradition verwundert es kaum, dass die Jüdin in vielen Darstellungen als Prostituierte erscheint, die von ihrer Lüsternheit lebt (ebd.). Das Bild von der sexuell lüsternen Jüdin hat wohl auch mit dem Erscheinen der jüdischen Intellektuellen in der Öffentlichkeit zu tun, die in die männliche Domäne der geistigen Betätigung eindringt, z.B. in Salons.

„Der in jüdischen Salons von Berlin, den in der Aufklärungstradition wurzelnden Treffpunkten jüdischer und nichtjüdischer Intellektueller, nunmehr mögliche engere Kontakt zu jüdischen Frauen führte nicht selten zur kritischen Bewertung dieser Frauen in der Öffentlichkeit. Stärker als zuvor wurden sie nunmehr wahrgenommen. In dieser Zeit liegen wohl die Wurzeln des Stereotyps der sexuell gierigen jüdischen Intellektuellen“ (ebd. 200).

Die Vermännlichung der jüdischen Frau tritt fast immer in diesem Bildungszusammenhang auf (vgl. ebd. 200f.). Die emanzipierte, geistig tätige Frau wird durch ihr männlich wahrgenommenes Verhalten auch körperlich dem Mann ähnlicher.

Ein Beispiel für Vermännlichung ist die Schauspielerin Sarah Bernhardt: „Sarah verkörperte auch das Mannweib, ein Negativstereotyp, das sich seit dem Vormärz in Abgrenzung zu weiblichen Emanzipationsbestrebungen entwickelte, Ende der 60er Jahre des 18. Jahrhunderts in die Wiederentdeckung der lesbischen Frau mündete, und letztlich dem alten Stereotyp der sündhaften, die ‚ordo’ verkehrende Frau auf seine Weise entsprach“ (ebd. 203).

„Emanzipation wurde mit dem Judentum in Verbindung gebracht. Emanzipation war jüdisch“ (ebd. 203f.).

Wie in den meisten Fällen, blieb aber auch die Darstellung der jüdischen Frauen als intellektuell und emanzipiert nicht ohne ihr ebenfalls negativ konnotiertes Gegenstück. Bei Chamberlain etwa wird die jüdische Frau ziemlich verzerrt als rechtlos dargestellt. Ein Bild, das bewusst gegen die Frauenbewegung gezeichnet wurde.

„Die Darstellung der jüdischen Frau als rechtlos sollte wohl bewusst solche Vorstellungen evozieren und zugleich weibliche Emanzipationsforderungen in die Schranken weisen“ (ebd. 204).

Im Nationalsozialismus setzten sich diese Bilder, vor allem das der hemmungslosen Jüdin, fort. „Das Bild der sexuell hemmungslosen, unmoralischen jüdischen Frau und Prostituierten existierte fort, genauso wie modernen Varianten der die Geschlechterrollen verkehrenden sündhaften Jüdin. Die Jüdin als Prostituierte, Flintenweib und Partisanin gehörte mit in die NS-Vorstellungen“ (ebd. 204).

Auch hier blieben die christlichen Antisemitismusbilder bestehen. „Christliche Sündenvorstellungen waren dabei in rassistischen NS-Schriften weiterhin präsent und verwiesen auf die alten Wurzeln des Judenhasses“ (ebd. 205).

Interessant dabei ist auch, dass die verschiedenen Bilder der Jüdin, sowohl der durch jüdisches Patriarchat extrem versklavten Jüdin, als auch die rebellierende jüdische Frau häufig in denselben Schriften auftauchten und nicht als Widerspruch wahrgenommen wurden (vgl. ebd.).

Im folgenden Kapitel wird gezeigt, als wie gefährlich die aus der Geschlechterrolle ausbrechende Frau von den faschistischen Schreibern wahrgenommen wurde.

Flintenweiber und das faschistische Frauenideal

„Die übermächtige Angst vor der ‚fremden’ (jüdischenTM, aber auch kommunistischen) Frau setzte sich bis an die nationalsozialistischen Kriegs- und Verbrechensschauplätze fort und ließ die deutschen Soldaten in schaurigen Darstellungen vor allem von den an den Ghetto-Aufständen beteiligten jüdischen Frauen berichten. Diese galten als besonders blutrünstig, und, so hieß es, kämpften bis zum bitteren Ende, um wenigstens noch ein paar deutsche Soldaten mit sich in den Tod zu reißen“ (A.G. Gender-Killer, 56).

Klaus Theweleit behandelt in seinen „Männerphantasien“ Erzählungen faschistischer Autoren. Ein Motiv, das darin immer wieder auftaucht, ist die Gefahr der Erotik. Als Bespiel führt Theweleit etwa die Autobiographie Manfred von Killingers an. „Ein erpresster Kuss mit nachfolgender Bestrafung der Erpressten zeigt: es ist ihre Schuld, dass sie verlockend auf ihn gewirkt hat. Wo sie nicht weißgewaschene Ehefrau, Statue, Vision, nächtliche Erscheinung, Prinzessin ist, wird die Frau zu einer Bedrohung, derer man sich erwehren muss, durch strammes Marschieren zum Beispiel“ (Theweleit 2002, 57).

Die erotische Frau kommt in diesen Ausführungen einem Kriegsschauplatz gleich. „Der Soldat Aberhof in Schauweckers Aufbruch der Nation ficht auf diesem einen aussichtslosen Kampf. Er stiehlt der Truppe Brot und bringt es einer Französin, einer attraktiven Schönheit…“ (ebd. 58). Diese Desertion hin zur Frau kommt in diesen Schriften einem Todesurteil gleich, die Männer zeitigen ein böses Ende. „Dass jemand ‚wie willenlos bezwungen’ aufstände und sich begehrend einer Frau näherte, ist in diesem Umkreis undenkbar – es wäre sein Todesurteil, der Autor würde ihn bei der nächsten Gelegenheit sterben lassen“ (ebd. 61).

Die Frau als „Objekt der Begierde“ wird von diesen Männern also abgewehrt und zur Gefahr deklariert. Im Gegenzug sind die Liebesobjekte des idealen faschistischen Mannes das deutsche Volk, das Vaterland, die Heimatstadt, die Uniform, andere Männer (Kameraden, Vorgesetzte, Untergebene), die Truppe, die Gemeinde, die Blutsgemeinschaft, die Waffen, die Jagd, der Kampf, sehr häufig auch Tiere usw. (vgl. ebd. 70).

Dabei treten vor allem zwei bedrohliche Frauentypen auf. Zum einen ist das die „Hure“, die „nicht akzeptieren will, dass der Soldat seine sexuelle Aktivität hinter sich hat, wenn er das Maschinengewehr verlässt“ (ebd. 73). Zum anderen sind es Arbeiterfrauen, die sich in den Darstellungen jedoch kaum von den „Huren“ unterscheiden (vgl. ebd. 73f.). Zudem werden ihnen Verstümmelungswünsche und Metzeleien, also besondere Brutalität zugeschrieben (vgl. ebd. 75). Ein Wesen wird konstruiert, „das keift, kreischt, spuckt, kratzt, furzt, beißt, anspringt, in Fetzen reißt, schlampig ist, wirrzersaust, fauchrot, unanständig; das herumhurt, sich auf die nackten Schenkel schlägt und sich nicht genug tun kann im Auslachen der Männer“ (ebd.). Bei diesen Beschreibungen der Arbeiterfrau ist natürlich die Verknüpfung mit dem Kommunismus, bzw. dem gefährlichen Kommunismus, der ja auch als jüdisch galt, nicht weit.

Dies führt nun zum Bild des Flintenweibes, der bewaffneten Frau. Diesen Frauen wird eine übersteigerte sexuelle Potenz zugeschrieben. „Sie wird nicht als vaginale, sondern als phallische Potenz phantasiert und gefürchtet. Ihre Tätigkeit ist eine kastrierende: Hälse, Nasen, Ohren – alles was hervorsteht – wird von ihnen abgeschnitten.“ (ebd. 80).

„Es sieht demnach ganz so aus, als würden die Männer einem bestimmten Frauentyp einen Penis zuschreiben (der ‚proletarischen Hure’) und von diesem Penis ihre eigene Kastration befürchten“ (ebd. 81).

An diesem Kreuzungspunkt scheint auch die „schöne Jüdin“ angesiedelt zu sein. In Ekkehards „Sturmgeschlecht“ ist über einen Hinterhalt zu lesen: „Salome, Ruth, Esther – so steht sie eine halbe Treppe über ihm. Den knappen Rock geschürzt, die Linke in die Hüfte gestützt, die Rechte mit der Pistole erhoben. Das Weib, das sie heraufgelockt hat mit Rufen und Weinen…“ (zit.n. Theweleit 2002, 87).

Die jüdische Frau ist in dieser Hinsicht eine weitere Konstruktion der Frau mit Penis, die geläufigste Form der phallischen Frau ist dabei die Hexe. Es handelt sich dabei wiederum um Abwehrreaktionen gegen die erotische Frau (vgl. ebd.). „Läuft nicht eine Linie von der Hexe zur verführerischen Jüdin, eine permanente Realität der Verfolgung der sinnlichen Frau, die sich nicht primär ökonomisch herleiten lässt, sondern von der spezifischen Organisation des gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses im männerrechtlichen Europa? […] Die erotische Frau ist lebendige verkehrte Natur; man spürt die Nähe der faschistischen Rassevorstellungen“ (ebd.).

Dabei fungieren diese bedrohlichen Frauengestalten als Gegenentwurf zur idealisierten Mutter und Schwester. Ein Bild, das in diesem Kontext immer wieder auftaucht, ist die weiße Krankenschwester. „Die weiße Krankenschwester verkörpert also auch historisch den Verzicht der bürgerlichen Frau auf ihren weiblichen Körper. Sie ist toter Körper, ohne Ansprüche, ohne Sexualität, (ohne ‚Penis’), die Pole Mutter – Schwester in sich vereinigend, deren gefährliche Lockungen in sich begrabend“ (ebd. 142).

Die sexuell umtriebige Frau (Jüdin) wird also als Antithese zur idealen aufopfernden, pflegenden, jedoch immer asexuellen idealen Frau gezeichnet. Das Ausbrechen aus dieser Rolle wird so sehr zur Bedrohung, dass die Frau zur mordenden Bestie wird, die die strammen Männer in den Abgrund reißt, ihre Welt zerbrechen lässt.

Das Buch Judit

Die Geschichte von der verführenden Jüdin, die Männer mittels ihrer sexuellen Reize in den Tod treibt, hat lange Tradition. In den altkatholischen Bibeln, nicht in der Luther-Bibel, finden wir das Buch Judit, das bemerkenswerte Parallelen zu den faschistischen Frauenbildern aufweist. Die Figur der Judit, die Holofernes quasi in den Tod reizt, war durchaus sehr verbreitet, wie z.B. das Bild von Klimt zeigt.

Judit war eine gut aussehende Frau, was sie später auch zur Gefahr für den Kriegerherren Holofernes werden lässt. „Sie hatte eine schöne Gestalt und ein blühendes Aussehen.“17

Bevor sie aufbricht, um Holofernes, den Feldherren Nebukadnezzars zu überlisten und ihr bedrohtes Volk zu retten, bereitet sie sich auf diese Aufgabe vor.

„Dort legte sie das Bußgewand ab, das sie trug, zog ihre Witwenkleider aus, wusch ihren Körper mit Wasser und salbte sich mit einer wohlriechenden Salbe. Hierauf ordnete sie ihre Haare, setzte ein Diadem auf und zog die Festkleider an, die sie zu Lebzeiten ihres Gatten Manasse getragen hatte. […] Auch zog sie Sandalen an, legte ihre Fußspangen, Armbänder, Fingerringe, Ohrgehänge und all ihren Schmuck an und machte sich schön, um die Blicke aller Männer, die sie sähen, auf sich zu ziehen.“18

Die Stadtältesten staunten sehr über ihr verwandeltes Äußeres und erblassten über ihre Schönheit.

Judit begab sich zum Lager des Holofernes und begann ihre List. Ihre Reize halfen ihr dabei.

„Ich will zu Holofernes, dem Oberbefehlshaber eures Heeres, gehen und ihm eine zuverlässige Nachricht bringen; ich will ihm zeigen, welchen Weg er einschlagen muss, um das ganze Bergland in seinen Besitz zu bringen, ohne dass dabei einer von seinen Leuten Leib und Leben verliert. […] Als die Männer ihre Worte hörten und ihr Gesicht betrachteten, dessen Schönheit sie bezauberte“19, brachten sie sie schließlich zu Holofernes.

Alle bewunderten ihre Schönheit. „Einer sagte zum andern: Wer kann dieses Volk verachten, das solche Frauen in seiner Mitte hat? Es wäre nicht klug, auch nur einen einzigen Mann von ihnen übrig zu lassen; wenn man sie laufen lässt, sind sie imstande, noch die ganze Welt zu überlisten.“20

Schließlich begegnete Judit dem Feldherren. „Ihre Worte gefielen Holofernes und seinem ganzen Gefolge. Sie staunten über die Weisheit und sagten:

Es gibt von einem Ende der Erde bis zum andern keine zweite Frau, die so bezaubernd aussieht und so verständig reden kann.

Holofernes sagte zu ihr: Dein Gott hat wohl daran getan, dass er dich aus deinem Volk hersandte; so wird uns der Sieg zuteil, aber jene, die meinen Herrn verachtet haben, wird das Verderben treffen.

Wahrhaftig, du bist wunderschön und verstehst ausgezeichnet zu reden. Wenn du tust, was du versprochen hast, dann soll dein Gott auch mein Gott sein; du sollst im Palast des Königs Nebukadnezzar wohnen und in aller Welt berühmt sein.“21

Geblendet von Judits Schönheit und ihren Worten versucht Holofernes, sie zu verführen.

„Darauf trat Judit ein und nahm Platz. Holofernes aber war über sie ganz außer sich vor Entzücken. Seine Leidenschaft entbrannte und er war begierig danach, mit ihr zusammen zu sein. Denn seit er sie gesehen hatte, lauerte er auf eine günstige Gelegenheit, um sie zu verführen.“22

Die Betörung Judits wirkt schließlich auch. „Holofernes wurde ihretwegen immer fröhlicher und trank so viel Wein, wie er noch nie zuvor in seinem Leben an einem einzigen Tag getrunken hatte.“23

Judit nutzt diese Gelegenheit aus und schlägt Holofernes den Kopf ab. „Und sie schlug zweimal mit ihrer ganzen Kraft auf seinen Nacken und hieb ihm den Kopf ab.“24

Als das Übel entdeckt wurde, der Tote Holofernes im Zelt gefunden wurde, begaben sich die Soldaten auf die Suche nach Judit, die sich bereits davon geschlichen hatte.

Danach konnten die Israeliten den Kampf leicht gewinnen. Sie streckten die schockiert und kopflos flüchtenden Assyrer leicht nieder und machten reiche Beute aus dem verlassenen Assyrerlager.

Nach der Begebenheit stimmt Judit einen Gesang an: „Ihr Held fiel nicht durch die Kraft junger Männer, / nicht Söhne von Riesen erschlugen ihn, / noch traten ihm hohe Recken entgegen. / Nein, Judit, Meraris Tochter, / bannte seine Macht mit dem Reiz ihrer Schönheit […]“.25

Diese Geschichte spiegelt sehr deutlich den gefallenen Soldaten/Helden wider, der sich den Reizen der Frau hingibt. Vermutlich war das Bildnis auch deshalb so populär in den Erzählungen über die jüdische Frau.

Eine ähnliche Geschichte ist auch die der Salome, die stark rezipiert wurde. Salome betört Herodias, der ihr einen Wunsch erfüllt. Dieser Wunsch ist die Enthauptung des eingekerkerten Johannes, den Herodias vorher aufgrund seiner Frömmigkeit nicht zu töten wagte. Dieser Wunsch wird schließlich erfüllt und die Betörung der Salome kostet den Propheten das Leben.

Das sind zwei alttestamentarische Beispiele, die immer wieder auftauchten und die zeigen, wie Kriegsherren bzw. Propheten durch die Reize einer Frau ums Leben kommen, ja sogar ganze Armeen wegen der Schönheit und Betörung einer einzelnen Frau ihren Untergang finden. Genau diese Gefahr spiegelt sich in den antisemitischen Diskursen um die schöne verführerische Jüdin und sind gute Beispiele zur Darstellung solcher Gedankengänge. Interessant dabei ist vor allem, wie sehr verwurzelt in der christlichen Tradition diese Geschlechtervorstellungen sind und wie sich diese in rassistischen Diskursen verweltlichen, zu biologischen Tatsachen werden.

Bilder des Juden

Bei den Bildern von Juden werde ich vor allem auf medizinische Diskurse eingehen, die den jüdischen Körper pathologisierten, zum „anderen“ Körper machten. Vor allem hier lassen sich die Geschlechter- und Sexualitätsbilder besonders gut herausarbeiten.

„Mit der Festigung der ‚wissenschaftlichen’ Vormacht in der europäischen Gesellschaft (und in den Kolonien) gab es bereits im 19. Jahrhundert kein Gebiet, das stärker von dem Gedanken der Verschiedenartigkeit des jüdischen Körpers beeinflusst war als das öffentliche Forum der ‚Medizin’. Kein Aspekt in der Darstellung des jüdischen Körpers, ob frei erfunden oder wahr, spricht hier nicht in irgendeiner Weise von der Besonderheit eben dieses jüdischen Körpers als Zeichen einer den Juden innewohnenden Andersartigkeit“ (Gilman 1992, 181).

Das Männlichkeitsideal

Juden wurden seit jeher als unschöne Gestalten wahrgenommen, mit plumpen körperlichen Ausdrucksformen. Diese Bilder werden im Folgenden noch betrachtet werden. Vorher gilt es aber festzuhalten, dass der Körper verstärkt ab dem 19. Jahrhundert als Spiegel des Innenlebens gelesen wurde (vgl. Hödl 1997, 105). Der Körper galt als Spiegelung moralischer Qualitäten: „Das Schöne musste demnach das Gute verkörpern“ (ebd.). Der als hässlich dargestellte Jude verkörperte also schon durch seine äußere Gestalt den Gegensatz zu den etablierten ethischen Auffassungen und – damit verbunden – zum männlichen Ideal. Der hässliche Körper war eben nicht nur ein hässlicher Körper, sondern spiegelte auch ein hässliches Innenleben wider.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Masturbation pathologisiert. Der Wiener Mediziner Weber-Liel meinte etwa, dass Masturbation zu einem verdächtigen Aussehen führe: blaue Ringe um tiefer liegende Augen, Zuckungen der Gesichtsmuskel, eine spitze, schmale, hervortretende Nase, geschwächte Erscheinung, Traurigkeit, vernachlässigtes Äußeres etc. (vgl. ebd. 164). Verbreitet war auch die Ansicht, dass Masturbation zur Homosexualität führe.

Paul Julius Möbius brachte den Zusammenhang auf den Punkt, indem er behauptete, dass die Normalität die Grundlage für Schönheit bilde, Hässlichkeit hingegen ein wichtiges Zeichen für Entartung sei (vgl. ebd. 164f.). Als Schönheitsstandard der bürgerlichen Gesellschaft galt eine Männlichkeitsvorstellung, die vom griechischen Schönheitsideal abgeleitet wurde. Alles, was sich davon entfernte, galt dem Tier näher, als verminderte Menschenrasse, etc. Auch die Frau bildete in dieser Denkweise keine Ausnahme. Sie galt als unvollkommener und objektiv weniger schön als der weiße europäische Mann (vgl. ebd. 165).

Da Masturbation Feigheit bedeutete und die bürgerliche Moral zu untergraben schien, wurde den Juden natürlich auch ein besonderer Hang dazu zugeschrieben (vgl. ebd. 166). Aufgrund der ihnen zugeschriebenen Charaktereigenschaften und den damit verbundenen Körpermerkmalen mussten sie in diesen Darstellungen effeminiert sein. „Die Verbindung von Männlichkeit mit Kraft und Schönheit kontrastierte mit der Vorstellung von neurasthenischen, schwachen und gebrechlichen Personen, mit Frauen und Juden“ (ebd.). „Die Harmonie der Bewegungen, die Proportionalität der Formen symbolisierten Gesundheit und Männlichkeit, während deren Verkehrung Frauen und Juden charakterisierte – und gleichzeitig als Degenerationszeichen galt“ (ebd. 167).

Der jüdische Fuß

Ein Konstrukt, das fast ausschließlich jüdischen Männern zugeschrieben wurde, war der jüdische Fuß. Diese Vorstellung findet eine Parallele zu der mittelalterlichen Vorstellung des pferdefüßigen Teufels. Auch hier können wir wieder von einer Säkularisierung der Vorurteile ausgehen. „Dass die Form des in einem Schuh verborgenen Fußes (ein Zeichen des Primitiven, des Verfalls, versteckt unter dem Deckmantel der Zivilisation und höheren Kultur) die Andersartigkeit des Teufels verraten könne, war in der europäischen Kultur der frühen Neuzeit eine verbreitete Annahme. Auch die Verbindung zwischen Teufelsmahl und Krankheitszeichen war bereits […] ausgeprägt. […] Im 19. Jahrhundert wird die Beziehung zwischen dem Bild des Juden und dem des verborgenen Teufels dann weniger in einem religiösen als in einem säkularisierten, wissenschaftlichen Kontext deutlich. Einer ihrer Angelpunkte ist immer noch der jüdische Fuß“ (Gilman 1992, 182). Hier wird der Jude zum „bösen“ Bürger des neuen Nationalstaates.

Diese Vorstellung war eng mit dem Bild des Fußsoldaten und der Bürgerwehr, ein Kennzeichen der liberalen Strömungen des 19. Jahrhunderts, verbunden. Der Jude sei mit seinem degenerierten Fuß von Geburt an unfähig und unwürdig, am modernen Staat voll integriert zu partizipieren (vgl. ebd.). Juden waren also aufgrund ihrer angeborenen Unfähigkeit keine vollwertigen Bürger.

1867 wurde in Österreich der Militärdienst für Juden als ein Grundrecht in der Verfassung verankert. In der Folge, in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, verstärkte sich die antisemitische Kritik am jüdischen Körper zunehmend. In Karikaturen wurde der degenerierte Fuß neben der jüdischen Nase zu einem Haupterkennungsmerkmal der jüdischen Figur. Auch zahlreiche Pamphlete wurden zu dieser Zeit publiziert (vgl. ebd. 184ff.).

Um 1930 wurde der jüdische Fuß dann zu einem festen Bestandteil jüdischer Körperbilder, etwa in den Zeichnungen des nationalsozialistischen Karikaturisten Walter Hoffmann („Waldl“). „Der Fuß wurde zum Merkmal der Andersartigkeit, des Ausgeschlossenseins des jüdischen Körpers von der eigentlichen ‚Körperpolitik’“ (ebd. 187). Die Unfähigkeit zum Militärdienst wurde zur zentralen Motiv des Antisemitismus nach der Jahrhundertwende. „Menschen mit solchen Fußdeformationen konnten dann natürlich auch keine ‚echten’ Soldaten sein, sie waren konstitutionell nicht in der Lage, in einer beispielhaften Sphäre des Männlichen tätig zu sein. Juden, die bisweilen durch Plattfüße charakterisiert wurden, waren dadurch ähnlich ‚unmännlich’ wie Männer ohne Hoden“ (Hödl 1997, 170). Besonders nach dem Ersten Weltkrieg wurde die angebliche Nichtteilnahme von Juden an den Kämpfen thematisiert und als eine der Ursachen für die Niederlage präsentiert (vgl. Gilman 1992, 187). Später, während der gesamten Nazizeit, war der pathologische Fuß ein wichtiges Zeichen der Andersheit.

Doch auch innerhalb der jüdischen Gemeinde war die Legende vom jüdischen Fuß weit verbreitet. Meistens wurde das Problem jedoch als sozialisiert angesehen. Dagegen stellte man die Forderung nach sportlicher Betätigung, die auch den Geist positiv beeinflussen würde (vgl. ebd. 193). Andere wiederum warnten davor, dass die Forderung eines neuen „Muskeljuden“ die Situation noch verschlimmern könnte. (Durch die angeborenen neurologischen Schwächen) Der Fuß wurde als sichtbares Symbol der neurologischen Schwächen gesehen, etwa bei dem Bild des männlichen Hysterikers. Innerhalb der jüdischen Gemeinde dienten solche Bilder oftmals auch als Abgrenzung zu den Ostjuden (vgl. ebd. 199).

Der Fuß und der Gang

Da es die Möglichkeit gibt, den degenerierten Fuß, den jüdischen Plattfuß, zu verstecken, gab es als entlarvendes Merkmal den typisch jüdischen Gang, der versteckte Defekte erkennen ließe – im 19. Jahrhundert und später also den Juden im Menschen (vgl. Hödl 1997, 171).

So wurde z.B. angenommen, dass Juden ihre platten Füße weniger heben würden als andere Menschen, was zu einem schleppenden Gang führe. Dies wiederum würde mit einer schwachen Entwicklung der Wadenmuskulatur zusammenhängen (vgl. ebd. 172). Aufgrund dieser Besonderheit wären Juden unfähig zu einer normalen Fortbewegungsweise. Doch handelte es sich bei der „Wadenmuskeltheorie“ nicht um die am stärksten verbreitete Ansicht.

Die gängige Annahme war, dass ein nosologisches Phänomen den jüdischen Gang hervorrufen würde. Diese Krankheit mache sich dadurch bemerkbar, dass zuerst eine Schwere in den Beinen fühlbar wäre, die zu einer starken Müdigkeit führen konnte, die mit Schmerzen einhergehe. Vor allem Ostjuden wurde diese Krankheit verstärkt zugeschrieben, Nichtjuden wären nur in wenigen Ausnahmefällen betroffen (vgl. ebd.). Das häufige Auftreten bei Juden wurde damit begründet, dass es sehr oft durch nervöse Befindlichkeit und psychische Zustände, sowie geistige Überanstrengung hervorgerufen würde. Zudem wäre das jüdische Heiratsverhalten innerhalb der Gemeinschaft ein Grund für die Häufung und die konstante Unfähigkeit des Juden zum Soldatentum (vgl. ebd. 173). Lange Fußmärsche schienen unmöglich. „Juden waren keine Soldaten. Sie konnten das soldatische Ideal nicht ausleben, weil sie körperliche Defekte zu haben schienen, sie waren somit keine wirklichen Männer“ (ebd. 175).

Der geringe Brustumfang des Juden

Juden schienen, durch Messungen von einigen Ärzten und vor allem bei der Musterung zum Militär scheinbar „belegt“, einen weniger ausgeprägten Brustkörper zu haben. Der Umfang wäre im Durchschnitt um einige Zentimeter geringer gewesen, als bei anderen Wehrpflichtigen. Ein unterdurchschnittlicher Brustkorb wurde in der Folge zu einem Kriterium bei der Ausmusterung. Das Bild vom „schwachbrüstigen“ Juden trug damit wesentlich zum Bild des heeresuntauglichen Juden bei (vgl. ebd. 168). Dieses Vorurteil war ein weiteres in dem Komplex der Verweiblichung bzw. Entmännlichung des Juden.

Diese angeblichen körperlichen Mängel des Juden gehen natürlich mit der Vorstellung der Feigheit, der Verweigerung des Kriegsdienstes etc. einher.

Körper und psychische Konstitution

Die körperliche Unfähigkeit musste sich auch im Psychischen widerspiegeln, da der körperliche Zustand ja auch auf den Habitus schließen lasse. Das geschah etwa mit dem Vorurteil der jüdischen Feigheit (vgl. ebd. 177). Diese Verbindung zwischen Geist und Körper schien wissenschaftlich erwiesen zu sein. Die wissenschaftlichen Disziplinen, die damit arbeiteten, waren die Physiognomik, die Phrenologie und die physische Antropologie. „Der ‚unmännliche jüdische Körper’ konnte in diesem Verständniskontext unmöglich eine mentale Struktur aufweisen, die den Paradebereich des Männlichen, nämlich das Militärische, hoch achtete“ (ebd. 178).

So wurde angenommen, dass Juden vaterlandslos wären und sich deshalb kaum für diese Idee opfern würden, was wiederum die Kampfkraft einer Armee besonders einschränke (vgl. ebd. 178). Durch die unterschiedliche Veranlagung von Juden und Nichtjuden könne es nie zu einem Zusammenhörigkeitsgefühl, zu echter Kameradschaft, kommen. Der mangelnde Patriotismus und die mangelnde Kameradschaft mache die bloße Anwesenheit der Juden in der Armee zum Risiko. Zumal sie auch unfähig wären zur Unterordnung in einer Hierarchie, verbunden mit dem jüdischen Hang zum Individualismus, sofern sie keinen Vorteil darin erblicken könnten (vgl. ebd.).

Diese jüdische Psyche spiegelte sich angeblich auch in der jüdischen Sprechweise wider, die als weiblich deklariert wurde (vgl. ebd. 179). „Ein rasches, schnelles Sprechen wurde als typisch für Frauen angesehen, die damit angeblich ihre oftmals blühende Phantasie artikulierten“ (ebd.). Bei Weiniger wurde das offen als „Lügenhaftigkeit des Weibes“ benannt. Diese schnelle Sprechweise wäre auch charakteristisch für Juden. „Juden und Frauen scheinen durch ein rasches Sprechen, das auf Täuschung und Betrug abzielte, charakterisiert werden zu können“ (ebd.). Diese Sprechweise galt auch als Symptom für Hysterie, ebenfalls eine Frauen- und Judenkrankheit. Der Begriff für diese Art zu sprechen, war „Mauscheln“, einhergehend mit einer Geheimsprache der Juden. So wurde auch das Hebräische als Bedrohung begriffen, da es auch ein Verbot der Rabbiner gab, die heilige Sprache Nichtjuden zu lehren (vgl. ebd. 181). Dies wiederum würden Juden ausnutzen um Vorteil daraus zu ziehen. Sei es im kriminellen Bereich, in der Unterhöhlung der Ordnungsstruktur oder vor allem im Geschäftlichen. „An der Börse, wo die ‚Weltmarktpreise für Getreide’ zum Nachteil und Ruin der Bauern ausgehandelt wurden, arbeitete man angeblich mit ‚hebräischen Lettern auf Papier’, um die Spekulationspraxis vor der nichtjüdischen Bevölkerung zu verbergen“ (ebd. 182).

Jiddisch

Als Quelle zur Speisung von Vorurteilen gegenüber Juden eignete sich die jüdische Orthodoxie in besonderem Ausmaß. Viele Aspekte des bürgerlichen Männlichkeitsideals waren ihnen fremd. „Sie waren in einer jüdisch-traditionellen Kultur sozialisiert worden, in der bestimmte, in nichtjüdisch-bürgerlicher Deutung als ‚männlich’ charakterisierte Tätigkeiten, den Frauen vorbehalten waren, während sie selbst bisweilen Rollen ausfüllten, die in der neuen Gesellschaft als ‚feminin’ bezeichnet wurden“ (ebd. 182).

Jiddisch galt als die Sprache der osteuropäischen Schtetlkultur und vor allem auch als Sprache der Frauen. Die Sprache der Frauen deswegen, weil sie keinen Zugang zu religiösen Texten hatte, für die Hebräisch die taugliche Sprache war (vgl. ebd.).

Während das Ideal der traditionellen jüdischen Kultur der religiöse Gelehrte war, fiel es den Frauen zu, sich um die Existenzfristung zu kümmern. „Die jüdische Frau hatte somit weniger religiöse denn ‚praktische’ Pflichten, die neben der Haushaltsführung und Kindererziehung auch in der (Mithilfe zur) Sicherstellung des Familieneinkommens lagen, während der Ehemann daneben der religiös-geistigen Beschäftigung nachging“ (ebd. 184). Die jüdischen Frauen nahmen dadurch einen aktiveren Platz in der Alltagsgesellschaft ein. Das kommt auch in dem Begriff „eshes hayyil“ zum Ausdruck.

„Im Gegensatz zur ‚männlich’ charakterisierten jüdischen Frau wurden die Tätigkeit und das Verhalten des Mannes außerhalb der orthodoxen jüdischen Welt eher als ‚weiblich’ bezeichnet. Sie galten als passiv, die Arbeit – das Studium – fand im Haus statt, und die Sorge um das Geldverdienen lag primär bei der Frau. Die Werte, an denen sich die jüdischen Männer orientierten, widersprachen häufig jenen der nichtjüdischen Kulturen. Im traditionellen Schtetlmilieu Osteuropas galt physische Gewalt als etwas ‚unjüdisches’, und Auseinandersetzungen und Streitigkeiten waren ein Verhaltensmuster, das – idealiter – Frauen und geringgeschätzten, etwa ungelehrten Juden, vorbehalten war“ (ebd. 186).

Orthodoxe Juden aus der Schtetlwelt füllten also eine Rolle aus, die im westlich-bürgerlichen Ideal als weiblich wahrgenommen wurde. „Jiddisch war das Symbol dieser ‚verweiblichten’ Alltagssphäre“ (ebd. 187). Die Sprache nährte dadurch den Stereotyp vom effeminierten Juden.

Die Sprache galt auch als Spiegelbild der Lebensverhältnisse. Schlechte Hygiene war dabei ein zentrales Motiv. „Sprache spiegelt nicht nur das Denken und den Geist wider, sondern auch die Kultur. Jüdischer Alltag musste sich demnach in einer besonderen jüdischen Sprache niederschlagen. Die schmutzigen Lebensverhältnisse konnten demnach nur im Judendeutsch ihren Ausdruck finden, das das tiefe sittliche Elend der Juden reflektiert […]. Über die Begriffe Schmutz, Gestank, Gosse etc. wurde auch ein assoziativer Bezug zwischen den Juden und einem (verachteten) Teil der Frauen, nämlich den Prostituierten, hergestellt“ (ebd. 190), die ebenfalls mit Schmutz und Unhygiene in Verbindung gebracht wurden. Dazu kam noch die Verbindung mit Geschlechtskrankheiten. „Beide, Juden und Prostituierte, schienen die Zeichen ihrer sexuellen Perversion, die Syphilis, nach außen, auf der Haut, manifest werden zu lassen“ (ebd.).

Auch hier tritt das Sprachmotiv wieder auf, da Prostituierte einen eigenen Soziolekt mit Begrifflichkeiten herausbildeten, die Außenstehende nicht verstanden. Ähnliches wurde, wie bereits erwähnt, JüdInnen angedichtet, da auch ins Rotwelsch (mittelalterlicher Soziolekt unter Bettlern und „Gaunern“) hebräische Begriffe mit einflossen (vgl. ebd.).

Es ist daher nicht verwunderlich, dass vor allem jüdischen Frauen ein Hang zur Prostitution zugeschrieben wurde. Auch der Mädchenhandel wurde in jüdischer Hand vermutet, Juden mit Schleppertätigkeit verbunden. Wenn tatsächlich jüdische Schlepper gefasst wurden, wurde das medial entsprechend ausgeschlachtet, um den Antisemitismus weiter zu bedienen. Österreich tat sich in dieser Hinsicht besonders hervor (vgl. ebd. 191). Der sexuell Triebhafte, der jüdische Kuppler, wurde zu einer zentralen antisemitischen Figur.

Da also Lebensweise und Kultur eng mit der Sprache und auch Sprechweise verbunden waren, mussten auch alle Assimilationsversuche scheitern, die ein „normales“ Sprechen zum Ziel hatten. „Juden schienen ihr ‚Wesen’ (und damit ihr Sprechen) ganz einfach nicht verleugnen zu können. Eine eigentümliche Sprechweise musste ihnen trotz aller Assimilationsversuche erhalten bleiben“ (ebd. 194). Als Begründung dafür wurde physiologisch vor allem auch die jüdische Nase verwendet, oder auch eine hervorspringende Kinnlade etc.

Religiöse Schwärmerei im Zeitalter der Wissenschaft

Ganz im Zeichen der Verweiblichung wurde auch die Religiosität der Juden angesehen. In einer Zeit, in der Wissenschaft immer stärker religiöse Züge bekam, galt religiöse Schwärmerei als weiblich, Wissenschaft, rationales Denken als männlich. „Aus der assoziativen Geschlechtsattribuierung von Religion ergab sich in weiterer Folge, dass die religiöse Schwärmerei etwas ‚typisch Weibliches’ darstellte und Frömmigkeit als etwas Feminines pathologisiert wurde“ (ebd. 195). Zudem wurde eine Verbindung zu abnormer Sexualität hergestellt, mit unbefriedigten Trieben, Hang zur Onanie und dergleichen (vgl. ebd.). Da ein gängiges Vorurteil gegenüber Juden eben der religiöse Fanatismus war, der sich auch in den Ritualmordlegenden widerspiegelt, traf die Assoziation von Religion mit Abnormalität genau den Kern des Judenbildes. In der Folge wurde konsequenterweise das Judentum selbst von einer Abnormität des jüdischen Körpers abgeleitet. Die jüdische Religion war eine Funktion des jüdischen Gehirns, „eine Rasseneigentümlichkeit, die in dreitausendjähriger Inzucht ungestört erhalten worden ist. Das heutige jüdische Gehirn wird deshalb noch in derselben Denkweise funktionieren wie das alte. […] Damit aber die Welt sich anders in ihm spiegele, dazu müsste der Kopf des Juden sich ändern, und diese Änderung würde auch an der Nase sichtbar werden“ (Naudh, zit.n. Hödl 1997, 198). Freilich gab es auch Ansätze, die diese Deutung auf den Kopf stellten und das Judentum als Ursache für die Abnormalität sahen, nicht umgekehrt. Hier war die Religion Ursache für Wahnsinn und Nervosität etc. Beiden Ansätzen war jedoch die Darstellung des Judentums als etwas Krankhaftes, Pathologisches, gemein (vgl. ebd. 199).

Hysterie

Religion war auch stark verbunden mit dem Krankheitsbild der Hysterie, kein Gebiet der männlichen Vernunft. Oft wurde eine Parallele zwischen religiösem Mystizismus und Hysterie gezogen, beide Erscheinungen würden auch häufig parallel auftreten, beide würden auch in Zusammenhang mit abnormem Sexualverhalten stehen (vgl. ebd. 201).

Hysterie galt seit jeher als Frauenkrankheit, die mit dem Uterus in Zusammenhang stünde. Bereits bei Hippokrates war dies zu lesen (vgl. ebd.). Nachdem andere Erklärungsmuster im 16. und 17. Jahrhundert im Vordergrund standen, kam der Zusammenhang zwischen Uterus und Hysterie mit Forschungen zum Nervensystem, vor allem mit der Reflextheorie, wieder in den wissenschaftlichen Mainstream (vgl. ebd.). Dieser Zusammenhang scheint zwar Männer von diesem Leiden auszuschließen, aber laut diesen Theorien war die Reflexirritation nicht allein auf Frauen beschränkt. „Der einzige Unterscheid zwischen Frauen und Männern bestand darin, dass bei den erstgenannten die Gebärmutter scheinbar permanent irritiert war, während Männer nur temporär an Reizungen […] litten (ebd. 202). Damit verlor die Hysterie ihr Geschlechtsspezifisches, allerdings würde es trotzdem eine Frauenkrankheit bleiben, da Männer viel seltener darunter leiden würden.

Da die Hysterie vor allem als Frauenkrankheit angesehen wurde, erschienen auch Männer in diesem Licht. „Das ‚Weibliche’, das der Hysterie anhaftete, war ausschlaggebend dafür, dass Männer, die an dieser Krankheit litten, als ‚verweiblicht’ galten“ (ebd. 203). Zumeist wären effeminierte Männer davon betroffen. „Zu diesen Männern gehörten in erster Linie die Juden“ (ebd.).

Das Erscheinungsbild der Hysteriker

Um die Hysterie besser fassen zu können, gab es Ende des 19. Jahrhunderts Versuche, das äußere Erscheinungsbild bzw. äußere Merkmale von HysterikerInnen visuell abzubilden. Bei den Hysterikerinnen waren es vor allem maskulinisierte Frauen, die dem effeminierten Juden nahe kamen (vgl. ebd. 205).

Es gab mehrere Merkmale, die HysterikerInnen zu Eigen gewesen wären. Zentral war der eigenartige Gesichtsausdruck. „Vor allem die entstellten, verzerrten Gesichtszüge galten als ein wichtiges Indiz für den pathologischen Status der Person“ (ebd. 205f.). Das Gesicht war es auch, das den Juden ähneln würde.

Als Beispiel dafür kann das Auge, der jüdische Blick, genommen werden. „Der Blick war mehr als ein äußeres Merkmal, er war im konkreten Fall Ausdruck des inneren Wesens, zeigte den Mitmenschen die Moral der Juden, er offenbarte gleichsam deren ‚Seele’“ (ebd. 208). Der jüdische Blick galt als dunkel, die Augen als hart, kalt und forschend etc. und sie würden von einer gefühllosen Hartherzigkeit, Scheu und Energielosigkeit zeugen (vgl. ebd. 208f.). „Die Juden mussten somit, wie es ihre Augen zu verraten schienen, zum einen kaltblütig und egoistisch, zum anderen kraftlos, schlapp und feige sein“ (ebd. 209). Zudem würden die jüdischen Augen zu einem nervösen, verstohlenen Blick neigen, der den pathologischen Zustand schon verraten würde. Dem Juden war die pathologische Verweiblichung bereits in den Körper eingeschrieben, so auch die Hysterie.

Männliche Menstruation

In der Reflextheorie wurden Zusammenhänge zwischen verschiedenen Körperteilen angenommen, so auch eine Verbindung zwischen Genitalien und dem Gehirn. So wurde z.B. auch die Gefahr der Onanie erklärt, eine der bekanntesten Folgen wäre Masturbationsschwachsinn gewesen (vgl. ebd. 210). Die bekannteste Verbindung mit den Genitalien hatte in diesen Theorien aber die Nase.

Wichtig für das Judenbild war die Annahme, dass Nasenbluten einen Ersatz für die Menstruation darstellte. Nasenbluten wurde „mit einer irritierten Genitalsphäre in Verbindung gebracht und dabei als eine Art Kompensationsmenstruation ausgegeben.“ (ebd. 212) Diese These nannte sich Menstruatio-vicaria-Hypothese. Da eine solche Annahme in der Medizin zumindest vorhanden war, entwickelte sich die männliche Menstruation schnell zu einem Vorurteil gegenüber den so genannten Effeminierten.

Im Falle der Juden war diese Annahme mit der typischen Judennase verbunden. Die abnormale Form der Nase ließ auch auf eine abnormale Form des Penis schließen (vgl. ebd. 216). „So wie die Homosexuellen und Hermaphroditen auf der Basis der ‚Menstruatio-vicaria’-Hypothese scheinbar ihren weiblichen Charakter offenbarten, so bildete diese auch in bezug auf Juden einen ‚Beweis’ für ihr effeminiertes Wesen“ (ebd. 217). Die angeblich abnormale Penisform hatte ihren Ursprung sicherlich in der Beschneidung, die den Penis des Juden merkwürdig erscheinen ließ. Der beschnittene Penis wurde in Verbindung mit Geschlechtsorganen von Hermaphroditen gebracht, bzw. mit der weiblichen Klitoris, der er ähnlich sehen würde. In diesem Zusammenhang steht wohl auch die umgangssprachliche Bezeichnung „Jud“ für die Klitoris im Wien der Jahrhundertwende. Weibliche Masturbation wurde als „Spielen mit dem Jud“ bezeichnet (vgl. ebd. 218). Das Motiv des beschnittenen Penis wird im nächsten Kapitel noch genauer betrachtet werden.

Die Annahme vom blutenden Juden ist auch im Zusammenhang mit Ritualmordvorstellungen interessant, da die Annahme war, dass Juden das Blut benötigen würden, um ihre Leiden, die mit Blutverlust verbunden waren – wie Menstruation oder Hämorrhoiden – behandeln zu können.

Hämorrhoiden wurden bei Juden als überaus verbreitet angesehen und in manchen Theorien auch als Verursacher von permanenter sexueller Erregung angesehen, was die Lüsternheit des Juden und den Hang zur Onanie oftmals erklärte (vgl. ebd. 218)

Die Beschneidung

Die Brit Milah, die Sitte der Beschneidung, wurde für die Denker des späten 19. Jahrhunderts zum wichtigsten Zeichen jüdischen Andersseins“ (Gilman 1994, 86). Die Beschneidung war das sichtbare Merkmal der Andersartigkeit des Juden, das seine pathologische Natur manifestierte. „Die Beschneidung markiert Juden als defekt und als potentiell schädlich“ (ebd. 87).

Die Beschneidung galt als untrügliches Zeichen zu einer Zeit, in der die meisten Juden äußerlich de facto ununterscheidlich von der „arischen“ Bevölkerung geworden waren – hinsichtlich der Kleidung und äußerer Symboliken. Die Beschneidung konnte, obwohl Ritus und keine biologische Tatsache, zum Rassemerkmal werden, ein permanentes Zeichen der Andersartigkeit des Juden. In den biologischen Rassetheorien ging man oft davon aus, dass erworbene Eigenschaften weiter vererbt werden. So konnte eine biologische Erklärung gefunden werden. „Wenn die Beschneidung derart wichtig war, den Körper des Juden als beschädigten Mann zu definieren, dann konnte sie logischerweise kein nebensächlicher gesellschaftlicher Brauch, keine von außen kommende Praxis sein, denn dann könnte man ihr ja ein Ende setzen, und in der nächsten Generation sähen Juden dann wirklich genauso aus wie alle anderen“ (ebd. 88). Somit waren Juden tatsächlich aufgrund der Vererbung beschnitten geboren, auch wenn sie tatsächlich nicht beschnitten waren. Die Annahme, dass Beschneidung über Generationen hinweg schließlich zu beschnitten geborenen Kindern führen würde, bzw. zu einer Verkümmerung der Vorhaut war sehr weit verbreitet.

Beschneidung und Syphilis

Die Beschneidung wurde im 19. Jahrhundert auch mit Krankheiten assoziiert, die das Gemeinwesen verderben konnten. Nachdem im 18. Jahrhundert vor allem die Masturbation für eine Schwächung der Nachkommenschaft verantwortlich gemacht wurde, war es im 19. Jahrhundert vor allem die Syphilis, die die Ärzteschaft beschäftigte (vgl. Sander 1994, 100).

Dabei wurde die Syphilis vor allem mit dem männlichen Juden assoziiert. Der Jude wurde zur „Personifizierung dieser Gefahr“ (ebd. 101). Dabei repräsentierte der beschnittene, „beschädigte Penis […] die potentiellen Verheerungen durch sexuell übertragbare Krankheiten“ (ebd.).

Es gab vor allem zwei Deutungsweisen für den Geschlechtskrankheiten übertragenden volksschädigenden Juden. Zum einen betrachtete man „Juden als die Träger der sexuell übertragbaren Krankheiten, die den Rest der Welt infizierten“ (ebd. 102). Zum anderen gab es aber auch das genau gegenteilige Bild, nämlich dass Juden eine erhöhte Immunität gegen Syphilis etc. hatten, eben auch durch die Beschneidung oder durch andere Erklärungen, wie z.B. Immunität aufgrund Jahrhunderte langer Infektionsgefährdung (vgl. ebd. 104). „Die medizinische Wissenschaft der damaligen Zeit sah die Beschneidung demnach entweder als Krankheitsquelle oder als Krankheitsprophylaxe. Im einen wie im anderen Falle blieb es dabei, dass man sie in einen Zusammenhang mit den besonderen Eigenschaften der Juden brachte“ (ebd. 106f.). „Entweder war die Beschneidung ein Mittel gegen die Masturbation, weil sie die Reizung der Vorhaut beseitigte und die Empfindsamkeit des Penis abtötete, oder sie war die Quelle der Hypersexualität des jüdischen Mannes“ (ebd. 107f.).

Interpretation der Körperbilder: Bedeutung für den Antisemitismus 

Der folgende Abschnitt soll nun eine Symbiose der ersten beiden Abschnitte sein. Es geht darum, die dargestellten Diskurse über die jüdische Sexualität und den jüdischen Körper mit den Annahmen aus dem Theorieteil zu verknüpfen.

In diesem Teil sollen schließlich auch die in der Einleitung aufgestellten Thesen überprüft und bewertet werden.

Zunächst werde ich versuchen, Erkenntnisse aus den empirischen Darstellungen zu ziehen und diese zusammen zu fassen. Das Bild des Juden und der Jüdin soll so klarer als Gesamtdarstellung hervorgehoben werden. Das dualistische Gedankengebäude dahinter wird näher dargestellt und analysiert.

Nach dieser Aufschlüsselung wird eine Einordnung in den theoretischen Rahmen folgen. Es wird also versucht, die historischen Darstellungen in einen Rahmen zu setzen und so die Annahmen zu überprüfen. Judith Butlers Theorie der performativen Körper wird in diesem Zusammenhang noch einmal angewandt und das Konzept der Biopolitik soll in diesen Kontext gestellt werden.

Schlussendlich wird danach gefragt, welche Bedeutung die Geschlechter- und Sexualitätskonstruktionen nun tatsächlich für den Antisemitismus hatten.

Vernünftige Männlichkeit als oberstes Prinzip

Im einleitenden Teil zu Otto Weininger war bereits ersichtlich, wo der Ausgangspunkt der Analyse von Weiblichkeit und Judentum liegt: Der Ausgangspunkt ist der Mann bzw. die Männlichkeit. Alles davon Abweichende wird von diesem Blickwinkel aus betrachtet.

Es ist dabei ein klares Wertesystem erkennbar, das mit Dichotomien arbeitet. Positiv bewertete Eigenschaften werden definiert und die Abweichung davon als falsch, degeneriert etc. wahrgenommen. Bei Weininger sieht dieses Wertesystem folgendermaßen aus:

Alleinherrschaft der höchstwertigen arischen Rasse Demokratie = Herrschaft der Minderwertigen; Juden
des höchstwertigen Geschlechts Frauen
Echte Männlichkeit Weiblichkeit, Judentum
Starke Krieger Schwache Pazifisten
Sozialismus á la Fichte Feminismus, Kapitalismus, Marxismus
Subjekt Objekt
Mensch Untermensch, Materie
Sexuelle Reinheit Lüsternheit, Schmutz
Idealismus Materialismus
Genie Kein Genie, Dummheit
Etwas Nichts

(vgl. Schröder 1994, 78f.)

Und genau dieses Wertesystem ist es, das wir immer wieder in den behandelten Texten antreffen. Weiningers Text ist so ergiebig, weil dort nahezu alle kulturellen Konstruktionen, verdichtet in einer einzigen Abhandlung anzutreffen sind. Deshalb wurde dieser Text auch als Ausgangspunkt gewählt.

Im Sinne Judith Butlers haben wir es mit einem Männlichkeitszitat zu tun, das aus einer christlichen Tradition stammt und sich als Definition in seinen Abwandlungen bis hin zum Nationalsozialismus fortgesetzt hat, wo dieser spezielle Männlichkeitsdiskurs schließlich wirkmächtig wurde. Theweleit stellt die richtige Frage: „Wie sehr also hat auch eine bestimmte männliche Organisation des Lebens […] im Faschismus ihr Überleben gesucht?“ (Theweleit 2002, 97)

Wenn wir die Zuschreibungen an den Juden aus dem vorigen Abschnitt betrachten und sie in deren Gegenteil umkehren, so haben wir die Definition des arischen Übermenschen, der in Wirklichkeit ein Übermann ist. Der Jude sowie das Weibliche wird zum Gegensatz des arischen Mannes und definiert diesen dadurch wiederum. Mit dem faschistischen Männlichkeitsideal wurde ein bestimmter Diskurs zur Wahrheit, der sich vielerlei historischer Zitate bedienen konnte. „Die faschistische Männlichkeit brachte die Vollendung der patriarchalischen Herrschaft, die am Ursprung unserer Zivilisation steht und deren Traditionen etwa die idealistische Philosophie, die künstlerischen Darstellungen der Polarität Mann-Frau und die wissenschaftliche Rationalität sind. Der faschistische Charakter findet sich in allem Epochen. Er schlummert in jedem Menschen, auch heute noch.“ (Le Rider 1985, 219) Dieses Ideal forderte Konformität, die Abweichung bzw. der Angriff darauf wurde sanktioniert.

Zu den Einschreibungen des männlichen Juden

In den Darstellungen der verschiedenen Diskurse über den jüdischen Körper, die jüdische Sexualität und die jüdische Identität haben wir gesehen, wie versucht wurde, ein Bild zu zeichnen und zu festigen, welches das Jüdische als das Andere und Gefährliche markieren sollte.

Das war die Neigung zur Hysterie, die religiöse Schwärmerei, der Hang zur Kuppelei, der Feind des Staatlichen usw.

Um den konstruierten Eigenschaften eine Permanenz zu geben, kam es zu ihrer Naturalisierung. Die angeblich jüdischen Eigenschaften wurden direkt in den jüdischen Körper eingeschrieben.

Hier waren es z.B. der jüdische Fuß und der geringere Brustumfang, der den Juden kriegsuntauglich machte. So war der Jude nicht nur von seiner Einstellung Vaterlandsverräter, er war gewissermaßen biologisch so konstruiert und konnte gar nicht anders handeln, denn er war ein minderwertiger Mann.

Das ging so weit, dass der jüdische Mann zu menstruieren begann. Hier haben wir wohl die dezidierteste weibliche Einschreibung. Hatte bei Weininger der Jude noch die Möglichkeit, arisch zu werden, war dies nun durch die körperliche Veranlagung a priori ausgeschlossen. Interessant ist dabei, dass Weininger selbst von seinen dezidiert kulturellen Zuschreibungen immer wieder ins Biologische/Medizinische abgleitet, was den Übergang von kulturellen Bildern zu biologischen Tatsachen schön unterstreicht: „Der Jude ist stets lüsterner, geiler, wenn auch merkwürdigerweise, vielleicht im Zusammenhange mit seiner nicht eigentlich antimoralischen Natur, sexuell weniger potent als der arische Mann“ (Weininger, 417).

Zudem war der Jude laut diesen Diskursen Krankheitsträger, vor allem in der Sexualität (Syphilis, Degeneration durch Masturbation…). So wurde aus der geistigen Zersetzung des Volkes auch eine körperliche. An dieser Stelle kommt das Bild des lüsternen Juden zum Tragen, der über die arischen Frauen herfällt und somit Krankheit und Seuche verbreitet und vor allem den Volkskörper zersetzt. Die Analogie dazu ist die schöne Jüdin, die den arischen Mann verführt und zur Unsittlichkeit bringt.

Zusammengefasst stellte der jüdische Mann den Gegenpart zum männlichen Idealbild dar. Da das herkömmliche Gegenbild jedoch die Frau und das Weibliche war, kam es zu Überschneidungen. Wenn das Weibliche der absolute Gegenpol dieser Männlichkeitsideologie war, musste der eigentliche Hauptfeind dieser antisemitischen Strömungen eben zur Frau werden.

Das Bild, das etabliert wurde, war das des weiblichen Mannes, der im Sinne der Untrennbarkeit von Körper und Geist (der schöne Körper hat eine schöne Psyche und umgekehrt) seine Merkmale über die Sexualität verbreitete und somit auch danach trachtete, das Gute und Schöne zu zerstören. Er greift damit nicht nur die Männlichkeit als Ideal an, das er ablehnt und zu dem er nicht fähig ist, sondern ist auch eine Gefahr für die Reinheit sowohl der Rasse als auch der arischen Frau.

Zu den Einschreibungen der jüdischen Frau

Die jüdische Frau wurde sogar auf zweierlei Weise zum Angriffspunkt gegen das Männlichkeitsideal.

Zum einen hatten wir die Darstellung der Jüdin als vermännlichtes Weib, als Feministin, die in die Welt der Männlichkeit einbricht, als Kommunistin, die hinterhältig auflauert und als Flintenweib den Tod bringt.

Diese vermännlichte Darstellung kann vor allem als Angriff auf den jüdischen Mann gedeutet werden, der seine Frau nicht im Griff hat, die wiederum die Stellung, die er einnehmen sollte, einnimmt. Hier haben wir also zwei Ebenen: Den Bruch gegen die Geschlechterdefinition sowohl des Mannes als auch der Frau. Die Frau wird männlich und bekommt auch einen vermännlichten, hässlichen Körper, der wiederum die jüdischen Männer veranlasst, mit allen Mitteln die schönen arischen Frauen zu verführen und an sich zu binden. Der Mann wird verweiblicht und vom „Mannsweib“ unterdrückt. Die Geschlechterrollen werden gewissermaßen ausgetauscht.

Zum anderen findet sich immer wieder die schöne Jüdin, die den arischen Mann verführt. Das führt nicht nur zu den bekannten Motiven der Verunreinigung des Volkskörpers, der Übertragung von Krankheiten, der Vererbung der jüdischen Körpereigenschaften, sondern versucht, den Mann von der Vernunft weg zu bringen, hin zur unmännlichen Leidenschaft. Der stählerne Körper hat einen stählernen Geist, der sexuell rein und nicht lüstern und Reizen gegenüber schwach ist.

Die Jüdin, die den männlichen Arier verführt, bedroht seine Existenz, indem sie versucht, ihn zu sich herabzuziehen – zur schmutzigen Lüsternheit. Wie in den faschistischen Romanen die Soldaten, die sich der Fleischeslust hingeben, unmittelbar danach mit ihrem Tod bezahlen müssen, so haben wir auch in den alttestamentarischen Tradierungen und christlichen Interpretationen gesehen, dass die reizvolle Frau den unbesiegbaren Soldaten verführt und somit bezwingt. Sie vollbringt mit ihrer Verführung etwas, das mit Waffengewalt nicht möglich gewesen wäre. Sie beraubt den Soldaten seiner Reinheit, seiner Härte und seiner Vernunft.

Körperbilder

Hiebei wird es darauf ankommen, etwas wirklich Vorhandenes deutlich auszusprechen, keineswegs aber etwas Unwirkliches durch die Kraft irgend welcher Einbildung künstlich be-leben zu wollen. (Richard Wagner)26

Tatsächlich scheint sich Judith Butlers These, dass es keine vordiskursiven Körper gibt, diese nicht wertfrei betrachtet werden können, bei den Geschlechterdiskursen über Juden und Jüdinnen voll zu bestätigen – und zwar klarer als bei vielen anderen Beispielen.

Im Kapitel über Antisemitismus und Antijudaismus haben wir gesehen, wie sich christliche Bilder fortgeschrieben haben und in einem geänderten Rahmen im biologischen Antisemitismus wieder aufgetaucht sind. Diesen Prozess konnten wir im empirischen Teil anhand von konkreten Zuschreibungen an den Juden oder die Jüdin sehen.

Waren die Zuschreibungen zuvor noch kultureller Natur, wurden sie schlussendlich direkt in die Körper eingeschrieben. Die Aussage: „Er ist ein Jude“ oder „Sie ist eine Jüdin“ wurde mit verschiedenen Bedeutungen aufgeladen. Das Zitat vom verweiblichten Juden wurde durch die ständige Wiederholung materialisiert und konstruierte so einen jüdischen Körper, der diesem Diskurs entsprach. So wie sex und gender ident wurden, wurden „jüdische Eigenschaften“ zum jüdischen Körper. Die Weiblichkeitsbilder des Juden dienen nunmehr „dem Ziel, ihn als physiologisch real und zugleich als ‚Fremdkörper’ zu definieren, der vom ‚guten’ Körper – oder dem Selbstbild des Ariers – abzuspalten ist“ (Braun 1995, 93).

Damit diese Bilder funktionieren konnten, mussten einige Bedingungen erfüllt werden. Im Theorieteil war davon die Rede, dass bei performativen Äußerungen entscheidend ist, ob sie glücken oder nicht, nicht ob sie wahr oder falsch sind. Dabei müssen vor allem die Zitate verstanden werden und der Rahmen der Äußerung muss stimmen. Um solche Bilder wirkungsvoll verwenden zu können, müssen sie sich also schon festgesetzt haben und verbreitet sein. Eine Abweichung des jüdischen Körpers von einer festgesetzten Geschlechterordnung macht keinen Sinn, wenn diese Abweichung nicht als anormal wahrgenommen wird. Die Darstellung des Juden als weiblich macht keinen Sinn, wenn die Verbindung Judentum-Weiblichkeit nicht nachvollzogen werden kann. Es muss einen Diskurs geben, aus dem geschöpft werden kann, um damit Macht auszuüben.

Ist dieser Diskurs zum herrschenden geworden, setzt er sich fest und präsentiert sich als selbstverständlich. Dieser oben angesprochene Prozess der Naturalisierung versucht, Konstruktionen als zeitlos und gegeben darzustellen und so ein Machtgefüge zu etablieren, das eine Hierarchie der Körper erstellt. „Jeder Ort des Wissens ist zugleich ein Ort der Machtausübung“ (Bublitz, 59). So wurde das „Wissen“ über den jüdischen Körper und alle Konnotationen, die damit verbunden waren, zum Herrschaftsmittel über ihn.

Biopolitik und der biologische Antisemitismus

Nachdem sich die Diskurse über Juden und Jüdinnen in die Körper eingeschrieben hatten, wurden diese zugeschriebenen Eigenschaften im Feld der Biopolitik zur Bedrohung. Da nicht nur das Verhalten „falsch“ war, sondern auch der Körper, kam es Schritt für Schritt zu einer Stigmatisierung. Als Konsequenz daraus musste das Jüdische verschwinden.

Für den Bevölkerungsstaat stellte der verweiblichte Jude, der nicht zur Verteidigung des Staates tauglich war, der zersetzend und krankheitsübertragend wirkte, eine Gefahr dar. Es sollte zum einen die Vermischung verhindert werden, zum anderen sollte der Staat vom Judentum selbst befreit werden. Im Nationalsozialismus war es dann so weit: Lebenswertes und lebensunwertes Leben wurde definiert und Biopolitik schlug in Thanatopolitik um.

Der Jude wurde zum Homo Sacer, als der Antisemitismus zur absoluten Regierungsform wurde. So wie der Homo Sacer als Gegensatz zum Staat als Rechtsfigur den Souverän definiert, so wird der Jude das Gegenstück der Vorstellung vom idealen Körper. Über diesen Körper konnte und musste in diesem Zusammenhang sogar souverän geherrscht werden.

Die Sorge über den biopolitischen Volkskörper verlangte eine Regulierung, die dafür sorgte, dass der biologische Wert eines Volkes erhalten und gesteigert werden konnte. Der Schnittpunkt hier ist Sexualität und damit verbunden Vererbung. Der Staat hängt sein Leben an die Sexualität und macht sie für seine Gesundheit verantwortlich. Zu diesem Zweck wird eine Kontrollmacht etabliert, die Körper definiert und einteilt.

Innerhalb dieser Entwicklung, wie sie im Theorieteil bereits genauer nachgezeichnet wurde, ist es nicht verwunderlich, dass jüdischen Körpern eben jene Eigenschaften zugeschrieben wurden, die den neuen Prämissen des gesunden Volkskörpers widersprachen. Der kulturelle Judenhass wurde so transformiert, dass er nun auch biologisch zersetzend wirkte. Die Eigenschaften, die im Zuge der biopolitischen Entwicklung in die Körper eingeschrieben wurden, erwiesen sich so als tödlich. Man musste keine Kultur mehr überwinden, sondern deren Verkörperung, den Juden und die Jüdin.

Hier waren es nicht nur schlechte Körper, die ausgeschlossen werden mussten, sondern eine aggressive Krankheit, die den Arier angriff. Unsichtbare Feinde innerhalb des Volkskörpers, die sichtbar gemacht werden mussten. Die Vererbung schlechter Eigenschaften, die Verunreinigung der Rasse, war ein potentiell gefährlicherer Feind als alle Bedrohungen von außen.

In dieser Analyse können wir sehen, dass die Geschlechterkonstruktionen über Jüdinnen und Juden keineswegs nur eine nebengeordnete Rolle gespielt haben. Dort, wo der jüdische Körper dem arischen widerspricht, wird er mit dem Leben bedroht. Dort, wo das Ideal der Männlichkeit und Reinheit verlassen wird, wartet der Tod, um, wie es in diesen Theorien angenommen wird, das eigene Überleben zu sichern. Die pervertierte Geschlechtlichkeit ist nicht nur eine Abweichung, sondern eine Bedrohung für das Überleben des Volkes.

Wenn der Jude zu weiblich zum Marschieren ist und diese Eigenschaft vererbt, verliert der Volkskörper seine Wehrhaftigkeit. Wenn der Jude Hysteriker ist, verliert der Volkskörper seine Stabilität, etc. Die Jüdin trägt das ihre dazu bei, diese Eigenschaften zu verbreiten, indem sie zum einen den arischen Mann verführt und zum anderen als maskulinisierte Frau eine Rolle anstrebt, die der Frau als gebärende Volkserhalterin widerstrebt. Die reine Frau, die eine reine Rasse ans Licht der Welt bringt, steht auf dem Spiel.

Zur Bedeutung der Geschlechter- und Sexualitätsbilder für den Antisemitismus

Wir haben gesehen, dass der Judenhass mittels normabweichenden Geschlechterbildern und Sexualitätskonstruktionen geschürt wurde. Die Frage ist nun, wie wichtig dieser Aspekt im Antisemitismus war. Können wir davon ausgehen, dass er eine Nebenerscheinung war, oder, wie im vorigen Kapitel bereits angedeutet, eine zentrale Thematik.

Dazu muss angemerkt werden, dass der Antisemitismus mittels konstruierter Geschlechterbilder nur deshalb gelingen konnte, „weil solche Darstellungen nicht einfach absonderliche Repräsentationen von Judenhass am Rande der Gesellschaft waren, sondern weil sich diese Bilder durch alle jene Medien zogen, mit denen die deutschen AntisemitInnen alltäglich umgingen“ (A.G. Gender-Killer 2005, 58). Wir haben Karikaturen aus Zeitschriften gesehen, wir hatten Beispiele aus der Belletristik bis hin zu medizinischen Ausführungen. Zusätzlich gab es diese Bilder natürlich im Bereich des Films und des Hörfunks.

Mit diesen Körperbildern wurde der theoretische Antisemitismus greifbar und verbildlicht. Der Jude bzw. die Jüdin bekamen eine Gestalt, die wesentlich zur Verbreitung und Festigung des Antisemitismus beitrug.

„Antisemitismus existierte nur durch den Prozess seiner Beständigen (Wieder-)-Herstellung. Und diese […] bestand eben nicht in der Weitergabe von Ideen oder wissenschaftlichen Befunden, sondern in körperlichen Darstellungen von Juden und Jüdinnen im Alltag“ (ebd. 60).

Um die jüdischen Geschlechterbilder als Entwurf gegen das Arische einsetzen zu können, musste es auch Körper geben, die dem Idealbild entsprachen. „Dieses Verfehlen konnte aber nur in dem Maße seine ganze Wirkmächtigkeit erlangen, wie es auch Körper gab, die der Norm scheinbar entsprachen.“ (ebd.) Somit war die Aufgabe der degenerierten Körper, nicht nur den Judenhass zu schüren, sondern ganz zentral auch das Selbstbild zu stärken, als Gegensatz den guten Körper zu definieren.

„Der affektiv-abstoßende Gehalt war den antisemitischen Bildern nicht per se eigen – das Empfinden von Abweichung und das Diagnostizieren von Andersheit war vielmehr erst in einem Geschlechtermodell möglich, in dem die arische© Männlichkeit zur absoluten Norm aller Männlichkeitsentwürfe […] wurde“ (ebd. 61). Diese Normen sind innerhalb strikter Grenzen der Zweigeschlechtlichkeit gesteckt, ein klare Definition von Frau und eine klare Definition von Mann, von der nicht abgerückt werden darf. Die Grenzen zwischen Mann und Frau werden hier gleichzeitig zu den Grenzen zwischen Arier und Juden.

Resümierend können wir sagen, dass ein zweigeschlechtlicher Entwurf der Wirklichkeit (sowohl der Körper als auch ihrer Sexualität), bei Butler heterosexuelle Matrix genannt, der sich einer langen Tradition bedienen konnte, am Feld des Antisemitismus manifestierte. Der Jude und die Jüdin repräsentierten den Bruch dieser Rollenzuschreibungen. Damit wurde nach und nach performativ auch ein jüdischer Körper erschaffen, der diesem Entwurf widersprach. Sexismus und Antisemitismus überschneiden sich an diesem Punkt. Die konstruierten Körper eigneten sich bestens zu einer Popularisierung der judenfeindlichen Theoriegebäude, da sie diese verbildlichten. Bilder von Körpern und von den Folgen pervertierter Sexualität eignen sich besser, eine Darstellung zu festigen als (pseudo-)wissenschaftliche Ausführungen.

1 Wie Weininger diese „Feststellung“ ableitet, wird später in diesem Kapitel erklärt.

2 Dennoch erklärt Weininger im ersten biologischen Teil des Buches „die ‚jüdische Entartung’ durch allzu häufig praktizierte Geldheiraten“ (vgl. Le Rider 1985, 191).

3 Tatsächlich ist das Verschwimmen der biologischen und kulturellen Argumentationslinien nicht uninteressant. Im Theorieteil wird später genauer darauf eingegangen, wenn über die Kontinuitäten und fließenden Übergänge zwischen Antijudaismus und Antisemitismus die Rede ist.

4 Die dickgedruckten Stellen in den Weininger-Zitaten sind im Originaltext dickgedruckt und werden hier und im Folgenden so übertragen.

5 Schröder vergleicht Weininger auch mit Auszügen aus Hitlers „Mein Kampf“ und findet dabei die gleichen Argumentationslinien (vgl. ebd., 82). Hitler sollte Weininger später als den „einzigen anständigen Juden“ bezeichnen (vgl. Braun 1993, 179), was den nicht ausgesprochenen Auslöschungswunsch Weiningers noch einmal bestätigt.

6 In dieser Eigenschaft werden der Souverän und der Homo Sacer identisch. Der Führer, dessen Wort Gesetzeskraft hat und der Homo Sacer, dem im Lager das Gesetz auferlegt wird, sind beide zur Gänze Gesetz. Ein Motiv das auch auf die religiöse Figur Jesus zuträfe, wenn seine Worte und sein Leben gesetzmäßig werden.

7 Wenn an dieser und anderen Stellen dieser Arbeit nur die männliche Form benutzt wird, liegt das daran, dass in diesen Fällen tatsächlich nur Männer gemeint sind. Wenn auch Frauen gemeint sind, verwende ich selbstverständlich gesplittete Bezeichnungen, wie in diesem Fall „AutorInnen“. Bei der Überschrift zu diesem Unterkapitel denke ich jedoch an die faschistischen Autoren der Männerbundliteratur, die analysiert werden wird.

8 Das Problem der Differenzierung von Antisemitismus und Antijudaismus , das sich auch im Fall Weiningers stellt, werde ich in dem späteren Kapitel „Antisemitismus und Antijudaismus“ behandeln.

9 Diese Affäre und die damit verbundenen Briefwechsel sind in Le Riders „Der Fall Otto Weininger“ (Le Rider 1985)gut dokumentiert. (Kapitel: Weininger und die Plagiatsaffäre. Moebius, Fließ, Freud und andere, S.78-101) Daraus werde ich im Folgenden zitieren.

10 Ein Motiv, auf das wir später noch häufiger stoßen werden.

11 Das Ein-Geschlechter-Modell, das vor dieser Wende Usus war, ging davon aus, dass Frauen und Männer im Wesentlichen dieselben Geschlechtsteile hätten, die entweder nach innen oder nach außen gekehrt wären. Mit diesem Modell konnte keine biologisch festgeschriebene Geschlechterdifferenz angenommen werden, stattdessen gab es eine Hierarchisierung der verschiedenen Ausprägungen des einen Geschlechts. Bei Aristoteles etwa war die Frau ein minderer Mann oder es wurde nach Hitzeskalen unterschieden etc. (vgl. Lauqueur 1987, 4-16).

12 Der illokutionäre Akt und der im nächsten Zitat angesprochene perlokutinäre Akt sind Begrifflichkeiten aus der Sprechakttheorie. Unter einem illokutionären Akt versteht man einen Sprechakt, in dem eine Handlung vollzogen wird, indem etwas gesagt wird. Der perlokutionäre Akt hingegen löst eine Kette von Wirkungen aus, die der Sprechakt auf eineN Rezipientin/Rezipienten ausübt.

13 Jesus konnte unmöglich ein Jude sein, da er, wie schon in der Einleitung erwähnt, als solcher nicht zum Genie fähig gewesen wäre. Es musste in rassistisch geprägten Diskursen also Arier sein.

14 Das Gebot des Geschlechtsverkehrs mit dem gleichen Blut ging so weit, dass es zu einer Umdeutung des Inzestverbotes kam. Ab etwa 1800 kamen vor allem in der deutschen Literatur immer wieder Liebesbeziehungen zwischen Bruder und Schwester vor. Es kam also zu einer Enttabuisierung des Inzest, was sich schön in Richard Wagners „Walküre“ zeigt. Das Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde zeugt Siegfried, die deutsche Christusfigur unbefleckten Ursprungs (vgl. dazu Braun 1990, 202f.). „Die oberste Gottheit, Wotan, verfügt die inzestuöse Beziehung, weil nur so der ‚Held’ Siegfried gezeugt werden kann, der über quasi-göttliche Kräfte verfügt“ (Braun 2005, 72). Nur das absolut gleiche Blut der Geschwister führt zur Erlösung.

15Eine ähnliche Situation finden wir im Wien des 19. Jahrhunderts bzw. der Jahrhundertwende wieder. Zu dieser Zeit kommt es ebenfalls von jüdischer Seite zu dem Versuch einer Assimilation. Auch in dieser Situation erleben wir, wie christliche Gruppen einen aggressiven rassistischen Antisemitismus betreiben. Adolf Hitler bezog sich in „Mein Kampf“ nicht nur positiv auf den Wiener Otto Weininger, sondern vor allem auch auf Karl Lueger, der als Bürgermeister von Wien (Ende des 19. Jahrhunderts) aus der christlichsozialen Bewegung gekommen war. Dieser benutzte den Antisemitismus als politische Waffe. „Alles, was sich ihm in seinem politischen Werdegang entgegenstellte, interpretierte Lueger als jüdisch: so bezeichnete er die Liberalen als ‚judenliberale Partei’, eine nicht ausgesprochen antisemitische Presse wurde in seinen Worten zur ‚jüdischen Presse’ etc.“ (Tamandl 1990, 57). Den Antisemitismus seiner Partei verteidigte Lueger im Abgeordnetenhaus. Er sei davon „überzeugt durch den unglaublichen, fanatischen Haß und die ungeheuerliche Rachsucht, mit welcher die Juden ihre Feinde verfolgen“ (Lueger, Karl, zit. n. Tamandl 1990, 56).Wichtig dabei ist, dass hier bereits nicht mehr von einem religiösen Antijudaismus ausgegangen werden kann. „Denn ‚Jude’ bedeutet für den christlichsozialen Antisemiten nicht ‚Angehöriger der mosaischen Religion’, sondern aufgrund seiner ‚Abstammung’ geprägter Träger ‚mammonistischer’, ‚umstürzlerischer’, ‚zersetzender’ und allemal ‚herrschaftslüstener’ Eigenschaften“ (Staudinger 1978, 14; vgl. Tamandl 1990, 105).

16 Jedoch nicht nur Sexualbilder. Sehr populär wurden Ende des 19. Jahrhunderts auch wieder Ritualmordanschuldigen, die aus einer katholischen Tradition kommen. (vgl. Braun 1990, 167f.)

17 Das Buch Judit, Kapitel 8: http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt8.html#7, 20.06.2008

18 Das Buch Judit, Kapitel 10: http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt10.html, 20.06.2008

19 ebd.

20 ebd.

21 Das Buch Judit, Kapitel 11: http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt11.html , 20.06.2008

22 Das Buch Judit, Kapitel 12: http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt12.html , 20.06.2008

23 ebd.

24 Das Buch Judit, Kapitel 13: http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt13.html , 20.06.2008

25 Das Buch Judit, Kapitel 16: http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt16.html , 20.06.2008

26 zit.n. Weininger, Otto: Geschlecht und Charakter: http://ngiyaw-ebooks.de/ngiyaw/weininger/geschlecht/geschlecht.htm, 9.5.2008

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http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt10.html, 20.06.2008

Das Buch Judit, Kapitel 11:

http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt11.html, 20.06.2008

Das Buch Judit, Kapitel 12:

http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt12.html, 20.06.2008

Das Buch Judit, Kapitel 13:

http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt13.html, 20.06.2008

Das Buch Judit, Kapitel 16:

http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt16.html, 20.06.2008

Aktuell tätige Organisationen des Rechtsextremismus (2006)

Der folgende Artikel wurde bereits vor vier Jahren abgedruckt. Ich habe ihn damals für eine Rechtsextremismus-Broschüre geschrieben. Aus diesem Grund sind viele Links nicht mehr aktuell, da viele Seiten der Rechtsextremen gelöscht wurden. Dennoch erscheint er als Momentaufnahme aus 2006 interessant, vor allem auch, weil die genannten Organisationen wie der BFJ nach wie vor ihr Unwesen treiben:

AFP und BFJ

Der Bund Freier Jugend (BFJ) bildete sich zu Jahresbeginn 2003 und ist seitdem eine der der aktivsten Gruppen im rechtsextremen Jugendspektrum. Er entstand aus der Jugendgruppe der Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik (AFP) und ist stark an der völkischen Bewegung orientiert. Trotz des eigenen Namens kann der BFJ noch immer als Jugendorganisation der AFP gelten. Deshalb werde ich zuerst die AFP behandeln.

Die AFP ist vor allem wegen ihrer guten Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen im In- und Ausland von Bedeutung, zudem steht sie in engem Kontakt zur FPÖ. Sie ist formell als Partei organisiert, ohne jedoch bei Wahlen anzutreten. (Sie ruft regelmäßig für die FPÖ auf.) Durch diese guten Kontakte kann sie eine wichtige Vernetzungsfunktion im rechtsextremen Lager ausüben. Dazu findet jährlich die „Politische Akademie“ statt, bei der immer wieder namhafte Rechtsextremisten auftreten. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in diesem Sinn auch auf ideologisch-kultureller Arbeit im rechtsextremen Sinn. Wie der BFJ hat auch die AFP ihren Schwerpunkt in Oberösterreich, und betreibt sogar ein eigenes AFP-Heim . Zudem gibt sie mehrere Publikationen heraus. Zu nennen wären drei Zeitschriften: „Wiener Beobachter. Mitteilungen der AFP-Wien, N.Ö., Bgld.“, „Weitblick. Mitteilungen der AFP-Kärnten und Steiermark“ und „Kommentare zum Zeitgeschehen“ (http://www.afp-kommentare.at/). Letztere Zeitschrift erscheint bundesweit seit 1963 und beinhaltet immer wieder Beiträge mit neonazistischer und revisionistischer Ausrichtung. So wurde etwa für eine Broschüre geworben, die die Existenz von Gaskammern etc. leugnet. Zudem wird ein Bestelldienst angeboten, bei dem AbonentInnen einschlägige Bücher beziehen können. (U.a. wurde ein Buch von Gerd Honsik angeboten.)

Des weitern werden immer wieder Flugblätter und Aufkleber produziert und die Organisation hat einen Internetauftritt. Zum einen ist das die Seite http://www.geocities.com/kommentareafp/, wo sich unter der Rubrik Kriegsverbrecher ein Artikel über Ariel Scharon (sic!) findet, nicht etwa über die Deutsche Wehrmacht. Zum anderen die Seite http://mitglied.lycos.de/afponline/, die sich im Gegensatz zur erstgenannten Seite offener gibt, was z.B. die Linkliste zu anderen rechtsextremen Organisationen zeigt. Dort wird auch die „Politische Akademie“ beworben, die jährlich im Oktober statt findet und als eine der wichtigsten Veranstaltungen der rechtsextremen Szene betrachtet werden kann.

In dem genannten Heim der AFP wurde 1992 die neonazistische „Wehrsportgruppe Trenck“ ausgehoben, inkl. Waffen. Des Weiteren finden im Heim regelmäßig Treffen statt bei denen bekannte Rechtsextremisten wie Herbert Schweiger (Chefideologe der deutschen Neonazi-Szene), Claus Nordbruch (Rassist aus Südafrika, der die SS als antibolschewistische Freiwilligenbewegung sah, in der für die Freiheit Europas gekämpft wurde)1 usw. auftreten.

Ganz in der Tradition der Schulungsarbeit der AFP versucht auch der BFJ durch „völkische Jugendarbeit“ interessierte Jugendliche zu Erreichen. Im Gegensatz zu den Organisationen, die später noch besprochen werden, richten die AktivistInnen sich dabei nicht an die Skinheadszene. (Die Skinheadszene wird vom BFJ als stigmatisiert wahrgenommen und würde deshalb Gefahr laufen, die Bevölkerung abschrecken.) Es finden regelmäßig Schulungstreffen und Vortrage statt, die auch auf der Homepage http://www.b-f-j.de/ beworben werden. Jährlich gibt es ein überregionales Treffen mit dem Titel „Tag der volkstreuen Jugend“, zu dem auch deutsche rechtsextreme Gruppierungen mobilisieren. Auch in der „Deutschen Stimme“ (Das Parteiorgan der NPD) wurde zum Tag der volkstreuen Jugend 2003 ein Bericht mit dem Titel „Der Repression getrotzt“ veröffentlicht. Abgesehen vom RFJ und von studentisch-burschenschaftlichen Gruppierungen füllt der BFJ in der Jugendarbeit eine Lücke in der Kaderschulung aus. Das bildet auch den Gegensatz zu anderen rechtsextremen Gruppen, da diese eher auf eine Massenbasis setzten oder die Skinheadszene politisieren wollen.

Zu der Schulungsarbeit kommen noch kulturelle Aktivitäten wie Wanderungen, Sonnwendfeiern, Faschingsfeiern etc., bei denen das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden soll. Zur breiteren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit werden Flugzettel, Plakate produziert und Kundgebungen veranstaltet. Zudem versuchte der BFJ immer wieder an Friedensdemos gegen den Irakkrieg teilzunehmen.

Interessant ist auch die Betrachtung des Logos der BFJ. Unter der Organisationsabkürzung befindet sich eine blaue Kornblume. Diese Blume war das Symbol der illegalen Nazis in Österreich vor 1938.

Die Zeitschrift des BFJ trägt den Titel „Jugend Echo“. Nach anfänglicher Vorsicht bei den Artikeln, vermutlich um nicht in Gefahr zu geraten, nach dem Verbotsgesetz verurteilt zu werden, finden sich nun eindeutige Artikel und Autoren in den Heften. Gerd Honsik wird nun zustimmend zitiert und Herbert Schweiger darf dort Artikel veröffentlichen. Aufgrund der völkischen Orientierung findet Deutschtum einen besonderen Platz in den Publikationen. Zudem wurde das Verbotsgesetz immer wieder zum Gegenstand von Kritik. Im Sinne der Meinungsfreiheit tritt man z.B. für die Musikgruppe Landser ein, der mit der „Gulag- und Genickschussjustiz Stalins“ der Prozess gemacht worden wäre. (Die Gruppe singt Textzeilen wie: „Ich bin ein Deutscher und stolz darauf. Auf die roten Schweine, da scheiß ich drauf. Stolz auf die Geschichte von unserem Land. Eines Tages nehmen wir das Ruder in die Hand.“) Aber auch das „raffende Kapital“ und die Hochfinanz werden mit rechter (verkürzter) Kapitalismuskritik angegriffen oder es wird gegen Homosexuelle gewettert. In der Ausgabe 5/2004 trauerte man dem Ende des deutschen Reiches nach. Eine passende, völkisch geprägte Kultur und eine gewachsene Volksgemeinschaft sei untergegangen.

Inzwischen wurde eine Person, Markus Knoll, der bis 2005 im Impressum des Echos stand zu einer Geldstrafe (350 Euro) wegen „Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts“ verurteilt. Offenbar als Versuch solchen Verurteilungen zu entrinnen, hat der BFJ die Rechte des „Jugend Echo“ inzwischen „an rumänische Kameraden veräußert“. Auch der Vertrieb erfolgt nun über eine Postanschrift in Spanien.

Der BFJ betreibt auch ein Jugendheim in Linz, die so genannte Heimat-Stube, der „offizielle Stützpunkt“. Eine Adresse wird dabei nicht angegeben und ist daher nicht bekannt. Neulinge werden an einem neutralen Ort abgeholt und zum Heim geführt.

Zudem betreibt der BFJ Anti-Antifa-Arbeit (vgl. http://www.redwatch-deutschland.de.vu/, wo vermutlich auch BFJ-Mitglieder schreiben). Das geschieht nicht nur theoretisch, es werden auch Linke fotografiert und deren Strukturen in Oberösterreich ausspioniert.

Seit Februar 2005 gibt es über die AFP und den BFJ ein Rechtsgutachten von o. Univ. Prof. DDr. Heinz Mayer. In diesem Gutachten, im Auftrag der Welser Initiative gegen Faschismus (Antifa) und des Mauthausen Komitees Österreich (MKÖ), wurden Flugblätter, Druckwerke und sonstige Veröffentlichungen der beiden Organisationen untersucht und Mayer gelangte zu einem eindeutigen Ergebnis. Er kommt zu dem Schluss, dass die von der AFP zu verantwortenden Publikationen seit Jahrzehnten massiv gegen die Bestimmungen des Verbotsgesetzes verstoßen. Offenkundige und verbrämte Verherrlichung nationalsozialistischer Ideen und Maßnahmen, zynische Leugnung von nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen, eine hetzerische Sprache mit deutlich aggressivem Ton gegen Ausländer, Juden und ‚Volksfremde’ sowie eine Darstellung „des Deutschen“ als Opfer sind typische und stets wiederkehrende Signale.“ Als besonders aggressiv wird das Jugend-Echo der BFJ bezeichnet. „Hier wird ständig ‚Kampfbereitschaft’ der nationalen Jugend eingefordert; NS-Biographien werden als Vorbild dargestellt, Rassenhass wird propagiert.“

Da Versammlungen und Treffen des BFJ immer wieder aufgelöst wurden und die Polizei inzwischen anscheinend ein Auge auf die Organisation gerichtet hat, tritt der BFJ immer wieder als Aktion Sichere Zukunft (ASZ) auf. Dabei handelt es sich um dieselben Personen, wie auch das Impressum der Flugzettel beweist.

Freie Kameradschaften

Freie Kameradschaften treten in Österreich seit Ende der 90er Jahre auf. Ihr Auftreten reichte aber bisher kaum über virtuelle Auftritte hinaus. (Oftmals verschwinden Homepages nach wenigen Wochen) Eine Ausnahme dazu bildet die Kameradschaft Germania. Das Konzept der Kameradschaften kommt aus Deutschland, wo diese Gruppen größere Bedeutung haben. Die österreichischen Kameradschaften haben daher auch Kontakte ins Altreich.

Es handelt sich dabei meistens um kleinere Gruppen von Männern, aber auch Frauen, die unter einem bestimmten Namen auftreten. Die Organisationen haben keine Mitgliedslisten und sind zumeist nicht als Vereine oder Parteien angemeldet. Dies wiederum macht ein Verbot dieser Gruppen schwieriger und bietet Schutz vor staatlichen Zugriffen. Diese Taktik etablierte sich nach zahlreichen Parteiverboten.

In der Organisation gibt es örtlich tätige Kameradschaften und überregionale Gruppen, die RednerInnen, OrdnerInnen für Demos etc. stellen. Zudem nehmen Führungspersonen der einzelnen Gruppen an Koordinierungstreffen teil. In Deutschland sind die Kameradschaften die treibende Kraft der rechtsextremen Szene und orientieren sich im Gegensatz etwa zum BFJ an einem rechtsextremen Lebensstil mit Konzerten etc. In Österreich hingegen sind die traditionellen Vereinigungen wie die AFP dominanter. Da es aber nach dem Ende der VAPO eine organisatorische Lücke der militanten Wehrsportszene gibt, könnten die Freien Kameradschaften diese Lücke schließen. Wie sich das Entwickelt, bleibt abzuwarten.

Bisher traten immer wieder dieselben Personen auf, die mehrere Kameradschaften gründeten. Dabei handelte es sich v.a. um Robert Faller, Sascha Gasthuber und Peter Tomaschek. Robert Faller war es auch, der 2002 die Kameradschaft Germania gründete. Er versuchte damit die Kräfte in Österreich, die das Konzept der Freien Kameradschaften vertraten, zu bündeln. Auch Verbindungen zur FPÖ lassen sich vermuten. Eine Vorgängerorganisation mit ähnlichem Namen, die KS Germania Wien, hatte auf ihrer Homepage eine Autogrammkarte Jörg Haiders veröffentlicht, neben dem Portrait Haiders, „Österreichs letzte(r) Hoffnung“. Vom DÖW wurde diese Homepage als eindeutig neonazistisch eingestuft. 2002 wies die Homepage KS Germania „neu“ von Faller Biographien von Nazi-Größen auf. Ein mp3 war abrufbar mit dem Liedtext „Wir stehen für Adolf Hitler Seite an Seite.“

Der erste Versuch einer Demonstration war für den 13.4.2000 angesetzt, um gegen die Wehrmachtsaustellung zu demonstrieren. Da es bei der Demonstrationsvorbereitung jedoch zu Problemen kam, vor allem dank HackerInnen, die die Aufrufhomepages knackten, meldeten Burschenschafter eine eigene Demonstration an. Als die Demonstration aber verboten wurde, wurden beide Demonstrationen zusammengelegt und es kam zu einer Kundgebung am Heldenplatz. Die Veranstalter freuten sich über den geschichtsträchtigen Ort. An der Demo nahmen schließlich 150 RechtsextremistInnen teil und hielten Schilder mit den Aufschriften „Großvater, wir danken dir“, „Held“ etc. hoch. Anschließend zogen viele TeilnehmerInnen, einschlägige Parolen grölend, über die Kärntnerstraße.

Es kam noch zu einem zweiten Demonstrationsversuch in Salzburg, am 3.8.2002. Robert Faller und Sascha Gasthuber waren für die Organisation verantwortlich. Doch auch dieser Aufmarsch wurde schließlich untersagt. Szeneintern ist die Germania in der Folge in Kritik gekommen und musste Rückschläge einstecken. Seither war es um diese Gruppierung relativ ruhig.

Jedoch sicherte sich Faller die Domain www.freies-radio.com (zum Verfassungszeitpunkt dieses Beitrags ohne Inhalte), die Homepage der KS-Germania ist nicht mehr verfügbar. Inzwischen hat er das Nationaldemokratische Aktionsbüro (NDAB) gegründet. Gasthuber ist ebenfalls weiter aktiv.

NDAB

Das NDAB ist bis jetzt noch relativ wenig in Erscheinung getreten. Es gab jedoch ein paar Versuche zu Demos und Vernetzungstreffen.

Für den 1. Mai 2004 wurde eine Demonstration in Wien angemeldet, die jedoch abgesagt wurde. Zudem gab es zu Pfingsten desselben Jahres ein konspiratives Treffen in Wien, das laut Veranstalter eine breite Widerstandsbewegung auf die Beine stellen sollte. Faller dürfte aber in der rechtsextremen Szene wegen seiner Misserfolge noch immer recht schlechten Ruf genießen. Es ist nicht zu erwarten, dass an dem Treffen großes Interesse bestand.

Im November gab es dann eine Informationsveranstaltung in Salzburg, zu der auch Neonazis aus der Schweiz kamen. Laut den Veranstaltern und zu deren Erstaunen sind zu den Treffen auch ehemalige Mitglieder der FPÖ und RFJ-Aktivisten gekommen. Unter den angeblich 52 Teilnehmern sollen auch ehemalige VAPO-Kader gewesen sein.

Inzwischen wurden im Internet zwei weitere Domains angemeldet. Die Seite verfassungsschutz.at (zur Zeit nicht aufrufbar), widmete sich dem DÖW und dessen angebliche Lügen und unter derjud.at soll wohl zukünftig eine Zeitschrift erscheinen.

Auch Radiosendungen gab es über ein Internet-Radio. Hier wurde Musik von Bands der Szene gespielt und Veranstaltungen bzw. Demotermine der NDAB und deutscher Neonazigruppen angekündigt. Im Dezember 2004 wurde in einer Radiosendung betont, dass nur reinrassige Arier willkommen sind.

Im April 2005 veranstaltete der NDAB in der Steiermark (Knittelfeld) einen Nationalen Wandertag. Es kam zu Protestaktionen, unter anderem von der SJ. Gesichtet wurden dort fünf Kameraden der Rechten. Die Veranstaltung wurde wohl aufgrund der Proteste, der Reaktion in der Bevölkerung und der geringen Teilnahme ein Reinfall. Ob die NDAB noch an Bedeutung gewinnen wird können, wird sich zeigen.

Blood & Honour

In Vorarlberg und Tirol hat sich nach dem Ende der NDP eine rechtsextreme Skinheadszene entwickelt, die weniger politisch Tätig war und vor allem durch Gewaltakte aufgefallen ist, vor allem gegen AusländerInnen und Linke. Vor allem in Vorarlberg hat diese Szene inzwischen einen hohen Organisationsgrad erhalten. Die wichtigste Gruppierung ist Blood & Honour Vorarlberg, die Konzerte mit bis zu 1000 TeilnehmerInnen organisiert, was vor allem auch durch die Vernetzung mit deutschen Gruppierungen möglich ist. Es handelt sich dabei um eine Bewegung, die sich stark auf einen gemeinsamen Lebensstil gründet, ohne dabei politische Schulungen oder dergleichen durchzuführen.

Blood & Honour ist eine Bewegung, die in England entstand und inzwischen ein international agierendes rechtsextremes Musiknetzwerk aufbauen konnte. Gegründet wurde es 1987 von Ian Stuart Donaldson, dem Sänger der Rechtsrockband Skrewdriver, der 1993 verstarb und seither als Kultfigur verehrt wird. Inzwischen kam es zu einer Spaltung innerhalb der Szene und es existiert die extrem gewalttätige Combat 18 (C 18) Gruppierung. Es ist der gewalttätige Arm von B&H, der aber innerhalb der Szene auch auf Ablehnung stößt. Es gibt daher auch zwei Homepages: http://www.bloodandhonourworldwide.co.uk/ und http://www.skrewdriver.net (C 18)

In Österreich findet sich bis jetzt keine C 18 Gruppierung, die Vorarlberger Band Stoneheads sympathisiert aber offen mit dieser Bewegung.

Ungeachtet der Unterschiede kann B&H gesamt als neonazistisch eingestuft werden, der Bezug auf den Nationalsozialismus wird unverblümt vertreten. In diesem Sinn ist es das Ziel von B&H die Skinheadszene ideologisch zu beeinflussen und zu politisieren. Musik erscheint ihnen als das geeignete Mittel dazu, besser als politische Veranstaltungen. Die Eckpunkte dabei sind Rassismus, die Erhaltung der weißen Rasse, Antikommunismus und Antisemitismus. Dabei bedient man sich Codes, wie der Zahl 18 bei C 18 (18=AH=Adolf Hitler, 88=HH=Heil Hitler, 14=14 words= We must secure the existence of our people and a future for white childen, ein Ku-Klux-Klan Ausspruch, Z.O.G.= Zionist Occupied Gouverment etc.). Wegen des offenen Neonazismus wurde die Blood & Honour Sektion Deutschland im Jahr 2000 verboten. In Österreich war man bisher etwas moderater, was wohl am strengeren Verbotsgesetz liegt.

Innerhalb der Skinheadszene versteht sich B&H als Eliteorganisation. Sie agieren konspirativ und die einzelnen Organisationen sind hierarchisch gegliedert. Es gibt Sektionschefs, die sich regelmäßig treffen. Um bei B&H aufgenommen zu werden, muss man einen Antrag auf Mitgliedschaft stellen und ein Motivationsschreiben abgeben. Dazu kommt noch eine Probezeit, in der man sich bewähren muss.

Zudem gibt B&H Österreich eine Zeitschrift heraus. Außerhalb des Magazins tritt B&H aber kaum politisch in Erscheinung. Eine Ausnahme war die Teilnahme an der Demo zur Wehrmachtsaustellung (Die angesprochenen Parolenschreier waren vermutlich B&Hs). Dennoch gibt es Tendenzen zu stärkerem politischen Auftreten, wie einige Demos in Vorarlberg.

Am 23.12.2000 überfielen B&Hs in Koblach ein Lokal, dass ein Punktreffpunkt ist. 22 Skins, auch aus dem benachbarten Ausland) verletzten vier Gäste zum Teil schwer mit Stühlen, Tischen etc. Ein Täter hatte sogar eine Schusswaffe bei sich. Das war bislang die öffentlich am stärksten wahrgenommene „Aktion“ in Österreich. Zudem wurde es noch einmal laut, da inzwischen einige Mitglieder bzw. Sympathisanten, vor allem wegen Schlägereien, verurteilt wurden.

1 In einer Blood & Honour Zeitschrift war von ihm auch folgendes Zitat zu finden: „Zur Verteidigung und zum Nahkampf empfehle ich eine 12er Repetierschrotflinte, den Colt Python 357 Magnum, die Heckler & Koch MP 5. Für die Jagd hat sich ein halbautomatischer Karabiner 308 oder 30.06 bewährt und wenn’s ganz massiv kommt, ist das Sturmgewehr R 5 überaus nützlich.“

Literatur zum Thema:

N.N.: Aktuelle Tendenzen in der rechtsextremen Szene Österreichs: „Freie Kameradschaften“ Blood & Honour und der „Bund freier Jugend“, Wien 2003

„Wir haben nichts mehr mit den Nazis zu tun!“

artNeulich in einem obersteirischen Wirtshaus: Ein junger Mann, nicht weit über 20 Jahre alt, erzählt, man solle die „Österreicher“ doch einmal mit den Nazis in Ruhe lassen. All das liege schon eine Ewigkeit zurück und „wir“ hätten damit überhaupt nichts mehr zu tun. Soweit die Stellungnahme zu den Vorkommnissen in Ebensee und der EU-Wahlkampagne der FPÖ.

Kurze Zeit später dreht sich das Gespräch um AsylwerberInnen. Die Stellungnahme desselben jungen Herren: Wenn es nach ihm ginge, würde dieses Gesindel in einen Zug gesteckt, der Zug zuplombiert und ab damit.

Jemand, der sich absolut sicher ist, nichts mehr mit der Zeit seiner Großväter und Großmütter zu tun zu haben, fordert wenig später die Deportation einer Menschengruppe, deren wesentliches Verbrechen darin liegt, nicht „wir“ zu sein, in Zügen. Ein bekanntes Bild. Wohin sagt er nicht.

Das Problem hier ist die Ausgangslage, die Frage: „Was ist der Nationalsozialismus?“. Die Antwort darauf scheint in den Köpfen wie oben zu sein: Ein KZ-System, Gleichschaltung der Presse, Verbot der freien Meinungsäußerung, systematischer Massenmord sowohl industriell als auch kriegerisch.

Diese Dinge sind jedoch nicht der Nationalsozialismus. Diese Dinge sind die Konsequenz des Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus ist vielmehr ein Denksystem, eine Geisteshaltung, eine Kultur der Überhöhung und Unterwerfung. Diese Kultur konnte in vielen Belangen auf eine Jahrtausendelange Tradition zurückgreifen, die tief im Innersten der Gesellschaft wirkt. Und diese jahrtausendelangen Denkmuster sollten nun mit der gewaltsamen Befreiung durch die Alliierten einfach verschwunden sein. Tausend Jahre ausgelöscht in sechzig?

Die Frage ist nun, welche Denkstrukturen das sind. Wenn man es auf die wesentlichen Elemente herunterbricht, kann eine Reihe von Voraussetzungen festgemacht werden, ohne die der Nationalsozialismus nicht funktioniert hätte. Dieses Denksystem könnte so  in Gegensatzpaaren gegliedert werden:

Alleinherrschaft der höchstwertigen arischen Rasse Demokratie = Herrschaft der Minderwertigen
des höchstwertigen Geschlechts Frauen
Echte Männlichkeit Weiblichkeit, Judentum
Starke Krieger Schwache Pazifisten
Sozialismus á la Fichte Feminismus, Marxismus
Subjekt Objekt
Mensch Untermensch, Materie
Sexuelle Reinheit Lüsternheit, Schmutz
Idealismus Materialismus
Genie Kein Genie, Dummheit
Etwas Nichts

Aber der wesentliche Punkt ist die Diskriminierung von „Anderen“, gegenüber denen man sich selbst definiert. Und diese Diskriminierungen spielen ineinander. Rassismus ist weder von Antisemitismus noch von Sexismus zu trennen.

So war der Antisemitismus des NS-Regimes etwa an einer Geschlechterhierarchie ausgerichtet. Juden wurden als verweiblichte Männer dargestellt und Jüdinnen je nach bedarf als maskulinisiert bzw. schön und verführerisch (den harten, stählernen Mann brechend). Vom männlichen Soldaten ausgehend wurde die Welt in Minderwertigkeiten kategorisiert, die von diesem Ideal abwichen bzw. als abweichend konstruiert wurden. Die Jahrtausende alte Einteilung der Geschlechter wurde als Verbildlichung der antisemitischen Theorien genutzt, die allgemein verstanden wurde und so als Katalysator funktionieren konnte, um den aggressiven Antisemitismus zu verbreiten. Dass der Nationalsozialismus diese Stärke und Anziehungskraft erlangen konnte ist nur durch ein Ineinanderspielen und gegenseitigen Verstärken der verschiedenen Diskriminierungsformen erklärbar. Ein System, das in Höherwertig und Minderwertig einteilt.

Die Nationalsozialisten verstanden das Spiel mit Ressentiments und benutzten die Vorurteile und den kulturell gewachsenen Hass der Menschen um ihr Terrorregime zu errichten. Wenn man sich die gegenwärtige Situation ansieht, in der wieder der Hass auf Minderheiten  (vor allem AsylwerberInnen) geschürt wird, um politisches Kleingeld daraus zu schlagen, begreift man, wie gefährlich diese Situation ist. Offenbar ist für dieses Spiel noch immer ein Großteil der Bevölkerung gewinnbar (denn nicht nur die FPÖ spielt auf diesem Klavier).

Solange eine Kultur den Antisemitismus, Sexismus oder Rassismus nicht überwunden hat, bleibt der Nationalsozialismus als historische Möglichkeit bestehen. Und seien wir uns ehrlich: welchen dieser Punkte haben wir hinter uns gelassen? dhpyv9jcbt

Vom Gespenst des Abendlands und warum es wieder verstärkt auf die politische Agenda rückt

Warum wird in einer Zeit in der sich immer mehr Menschen (zumindest in Westeuropa) von den christlich geprägten Kirchen abwenden, weil Sie ihr Heil im Diesseits oder in einer Vielzahl an Ersatzreligion suchen, das ideelle Konzept des christlichen Abendlandes als vorwiegend politisch motiviertes Konstrukt wieder entdeckt? Nicht von ungefähr passiert dies im Kontext von Einwanderungs- und Integrationsdebatten, wodurch das Schlagwort schnell zur Disktinktionskategorie zwischen einem angeblich nach wie vor christlich geprägten Westen und vorwiegend muslimischen ZuwanderInnern wird („Abendland vs. Morgenland“).

Ein kurzer Abriss zur Ideengeschichte des christlichen Abendlandes

Man muss schon zurück ins frühe Mittelalter blicken um jene Referenzpunkte zu finden, die auch gegenwärtige Debatten über das Christentum in Europa immer wieder mit einschließen. Ausgangspunkt dieser kurzen Rückschau ist Rom.

Der Ambrosius-Schüler Augustinus verfasste zu Beginn des 5. Jhdts. n. Ch. mit De Civitate Dei (Vom Gottesstaat) eines der Hauptwerke des frühen Christentums. Darin macht er deutlich, dass Rom, als die „ewige Stadt antik-christlichen Geistes“ ein Bollwerk gegen die Umtreibe des irdischen Staates und des „Reichs des Bösen“ sein müsse und festigte damit auch den Anspruch des frühen Papsttums, Rom als Zentrum des Christentums festzuschreiben (vgl. Schreiber, 1996). Rom wird zur Machtzentrale des christlichen Reichs, doch erst die identitätsstiftende Abgrenzung zu anderen Reichen/Religionen etc. beförderte die Idee des christlichen Abendlandes. Ganz zentrale Ereignisse sind hierbei die Kreuzzüge, beginnend im Jahr 1095 mit der blutigen Rückeroberung Palästinas. Ein Ereignis, dessen Nachhaltigkeit auch darin begründet liegt, dass es ein stärkeres Zusammenrücken des vormals zersplitterten Islams beförderte.

Vor allem die Kreuzzüge machten dabei deutlich, dass die Grenze zwischen „Abendland und Morgenland“ keine geografische war, sondern vielmehr auf der Abgrenzung zu einem „kulturell-religiös“ Anderen basierte.

Rechte Propaganda: Christliche Leitkultur und Neuer Rassismus

Gerade diese Abgrenzung macht sich gegenwärtig wieder in Form einer politischen Strategie bemerkbar und ist ein ganz zentraler Aspekt eines neuen Rassismus (Rassismus ohne Rassen/kultureller Rassismus), nicht zuletzt deshalb weil Religionen/Kulturen dabei als abgeschlossene Einheiten (Entitäten) begriffen werden und über die Konstruktion des Anderen als Gegensatz zum Selbst, neue Formen des Ausschlusses produziert werden.

Der inflationär gebrauchte Begriff des „Kulturkreises“ macht dies auch unmissverständlich deutlich. Seine Renaissance erlebte er mit Samuel P. Huntingtons „Clash of Civilizations“ und wird mittlerweile in allen möglichen Zusammenhängen meist unreflektiert verwendet. Der Völkerkunde des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts entlehnt (Kulturkreislehre), bezeichnete der Begriff ursprünglich ein Kategoriensystem zur Bewertung und Einteilung von Rassen (sic!).

Das biologische Element von Rasse (sic!) spielt heute kaum noch eine Bedeutung – rassistische Konstruktionen des Fremden/Anderen bleiben jedoch bestehen und wirken weiter.

Die ursprüngliche Volksgemeinschaft wurde zu einer kulturell-religiösen Wertegemeinschaft und von konservativer Seite bis hin zu rechtsextremen Gruppierungen wird das „Christliche Abendland“ dabei als politische Kategorie und besonders von letzterer Gruppe auch als Kampfbegriff verwendet. Der Bogen reicht dabei von Konzepten einer deutschen/europäischen Leitkultur bis hin zu bizarren Forderungen wie „Abendland in Christenhand“. (siehe dazu auch weiterführend: Eine Begegnung mit Zizek- Zur Repolitisierung des Multikulturalismus)

Vom Austro-Rapper zum Kreuzritter

Vor allem für die rechte Propaganda sind Symbole von außerordentlicher Bedeutung und so verwundert es auch nicht, dass gerade Moscheen und ein Stück Stoff als Ausdruck einer Bedrohung (Stichwort: Islamisierung) inszeniert werden.

Soweit wie FPÖ Chef Strache ging jedoch bis dato kaum einer der Spitzenpolitiker der europäischen Rechten. Er inszenierte sich kürzlich auf einer Demonstration der von der FPÖ finanziell unterstützten rechten Bürgerinitiative Dammstraße (www.moschee-ad.at) mit einem hölzernen Kreuz in der Hand und machte den TeilnehmerInnen (darunter zahlreiche bekannte Neonazis, Skinheads etc.) unmissverständlich deutlich, dass eine „Islamisierung Europas“ und damit der Untergang des Christlichen Abendlandes um jeden Preis verhindert werden müsse.

Die Symbolik des Kreuzes dient hier natürlich auch dazu, auf die „Türkenbelagerungen“ Wiens zu verweisen. Strache inszeniert seine Diagnose gegenwärtiger Entwicklungen als politisch-ideologisches Spiel mit vagen historischen Referenzen, das Kreuz dient dabei nicht als Symbol des Friedens, sondern als Ausdruck einer christlichen Hegemonie über den geografischen und kulturellen Raum Europas- im speziellen Österreichs. Ungeachtet historischer Begebenheiten wird das Kreuz so zum Signifikat der Abwehr des Fremden/der Türken/der Muslime.

Die Krönung dieser obskuren Inszenierung – und nur in dieser Hinsicht bin ich dem Boulevard à la Österreich dankbar – war das Bekanntwerden der kurz bevorstehenden Firmung Straches, die er in Jugendjahren verabsäumt hatte. Ob die Feier danach ähnlich „zünftig“ wie in Karl Valentins und Liesl Karlstadts meisterlicher Groteske „Der Firmling“[1] von statten ging, blieb bislang unbekannt. Der Boulevard wird uns sicher darüber informieren.

Man könnte diese Firmung oder zumindest das (gewollte) publik werden dieses Initiationsritus als grob vorsätzlich bezeichnen, es passt einfach zu gut in die Strategie der FPÖ das Christentum als Bollwerk gegen die gefürchtete „Islamisierung“ auf die politische Agenda zu bringen. Zuerst kam Ha d’ che als Versuch einer Ikone rechter Jugend(pop)kultur (inklusive haarsträubender Gehversuche im Austro-Rap) danach ein „arisch anmutender“ blau gekleideter Superman-Verschnitt im hetzerischen Comic „Der blaue Planet“ und nun Strache als Kreuzritter im Kampf ums christliche Abendland. Damit spannt er perfekt den Bogen von desillusionierten Jugendlichen die sich von der Politik klare und vor allem einfache Antworten auf ihre Problemlagen (z.B. die hohe Jugendarbeitslosigkeit) erwarten, bis hin zu manch altersgreisen KatholikInnen, deren Autoritarismus nicht selten mit übersteigertem Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit einhergeht („Pummerin statt Muezzin“). Erstmals platzte auch einigen hohen Repräsentanten der katholischen Kirche Österreichs das Kollar (Erzbischof Schönborn: Das Kreuz als „Zeichen der Versöhnung und der Feindesliebe“ dürfe nicht als „Kampfsymbol gegen andere Religionen“ verwendet werden) und einige Vertreter der Regierungsparteien sowie der Bundespräsident kritisierten Strache in bislang unbekannter Schärfe. Man kann nur hoffen, dass diese Kritik nicht verstummt, denn wie Michael Frank in der Süddeutschen zurecht anmerkt, speist sich „der Erfolg der populistischen Rechtsausleger (…) auch aus der Feigheit ihrer Gegner.“

Weitere Schritte müssen folgen. Ganz zentral wäre dabei auch das Einverständnis darüber, dass Österreich ein Einwanderungsland ist – ein empirisch längst gefestigter Befund – sowie ein Grundkonsens darüber, dass nahezu jede moderne Gesellschaft sich aus unterschiedlichsten Identitäten und Zugehörigkeiten speist, wodurch auch jedes nationale wie auch supranationale Gebilde keinesfalls als religiös-kulturell abgeschlossene Einheit festgeschrieben werden kann.

Und nicht zuletzt sind auch all jene gefordert, die qua ihrer Überzeugung als Atheisten oder Agnostiker es nicht mehr hinnehmen wollen, dass reaktionäre politische Tendenzen mehr und mehr von christlicher Rhetorik und Symbolik durchdrungen werden.


[1] http://www.youtube.com/view_play_list?p=435569AAF8E400FC&playnext=1&playnext_from=PL

Fehlende Geschichtsaufarbeitung der ÖVP Teil 1: Karl Lueger

Juni 16, 2009 23 Kommentare

Nachdem die SPÖ reichlich spät begonnen hat, ihre „Braunen Flecken“ aufzuarbeiten, lässt die ÖVP noch immer darauf warten. Statt die eigenen braunen Flecken aufzuarbeiten, benutzte man lieber die Studie des BSA um daraus politisches Kleingeld zu schlagen. Dieser Artikel ist der erste einer Serie zur mangelnden Geschichtsaufarbeitung der ÖVP. Es soll niemals vergessen werden, dass die ÖVP eine postfaschistische Partei ist, da sie von 1933-38 das Regime des Austrofaschismus betrieben hat und sich bis heute nicht davon distanziert – etwa Dollfuß als Helden feiert.

Den Beginn macht der Wiener Bürgermeister (1897 bis 1910) Karl Lueger, dem heute noch mehrere Denkmäler in Wien gesetzt sind.

1934, in der Zeit des Austrofaschismus, kam der Dr.-Karl-Lueger-Ring zu seinem Namen. 75 Jahre danach, hat sich daran nichts geändert. Obwohl sich jedeR einig zu sein scheint, dass Lueger ein Antisemit war, wird kein Handlungsbedarf zur Umbenennung gesehen.

Schlägt man in einem handelsüblichen Lexikon nach, finden sich dort unter dem Stichwort Lueger zumeist Aussagen wie diese: „nahm Anfang der 1880er Jahre Kontakt mit der anti-liberalen Protestbewegung christlich-sozialreformerischer Gruppen auf, die er in den folgenden Jahren zu einer (…) antisemitischen Massenbewegung integrierte.“ So in der großen Bertelsmann Lexikothek zu finden.

Genaueres darüber, wie Luegers Antisemitismus ausgesehen hat, lässt sich recht leicht herausfinden, wenn zum Beispiel seine Reden zum Gegenstand der Betrachtung gemacht werden. Im Folgenden seien einige Beispiele antisemitischer Äußerungen Luegers angeführt.

Lueger als Antisemit und Wissenschaftsfeind

So richtete Lueger zum Beispiel in einer Wahlkampfrede am 4. Dezember 1905 eine Warnung an „die Juden“, in der er sich auch selbst stolz als Antisemiten bezeichnete. „Ich warne speziell die Juden in Wien, nicht auch so weit zu gehen wie ihre Glaubensgenossen in Rußland und sich nicht allzu sehr mit den sozialdemokratischen Revolutionären einzulassen. Ich warne die Juden nachdrücklichst; es könnte vielleicht das eintreten, was in Rußland eingetreten ist. Wir in Wien sind Antisemiten, aber zu Mord und Totschlag sind wir gewiss nicht geschaffen. Wenn aber die Juden unser Vaterland bedrohen sollten, dann werden auch wir keine Gnade kennen.“

Solche Eskarbaden setzten sich auch im Wiener Gemeinderat fort, wo Lueger auf die Erinnerung eines politischen Gegners an dessen Ausspruch, es sei ihm „gleichgültig, ob man die Juden henkt oder schießt“, mit dem zynischen Zwischenruf: „Köpft! hab ich gesagt“, entgegnete.

In einer Rede am 13. Februar 1890 erklärte Lueger, dass der Antisemitismus durch die „unersättliche Rachsucht, mit welcher die Juden ihre angeblichen oder wirklichen Feinde verfolgen“ „förmlich eingetrieben“ wird. „Da sind Wölfe, Löwen, Panther, Leoparden, Tiger (…) Menschen gegenüber diesen Raubthieren [sic!] in Menschengestalt.“ Für Lueger sei „das Ende des Antisemitismus“ erst dann gekommen, wenn die „Judenherrschaft“ ein Ende findet und das „christliche (…) Volk (…) von den schmachvollen Fesseln der Judenknechtschaft“ befreit sei.

Mit dieser Einstellung fand Lueger unter anderem auch die Anhängerschaft von Adolf Hitler, der ihn in „Mein Kampf“ als den „gewaltigsten und genialsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“ bezeichnete.

Dies waren nur einige von vielen Beispielen, die den Antisemitismus von Lueger bezeugen, doch dürften sie ausreichen, um zu sehen, wieso es einigen Menschen bitter aufstößt, wenn zu Ehren einer solchen Person Plätze und Straßen benannt sind und zahlreiche Denkmäler aufgestellt wurden.

Neben dem Antisemitismus kommt auch noch die Wissenschaftsfeindlichkeit Luegers hinzu. Besonders Paradox, da die Universität Wien und das Burgtheater mit dieser Adresse behaftet sind, was sogar klassische HumanistInnen aufschrecken lassen müsste. Ein Beispiel für die Wissenschaftsfeindlichkeit Luegers findet sich in einem Aufruf am 6. allgemeinen Katholikentag 1907, an dem er die christlichsoziale „Eroberung der Universitäten, dieser Brutstätten der Religions- und Vaterlandslosigkeit“ forderte.

Politische Probleme

Nun sollte davon ausgegangen werden können, die Angelegenheit wäre klar und es wird wohl keinen Widerstand gegen die Umbenennung des angesprochenen Teiles des Rings geben. Doch ganz so einfach ist es wie immer nicht. Um einige Personengruppen nicht zu verärgern oder ideologische Einstellungen nicht preisgeben zu müssen, verstecken sich politische EntscheidungsträgerInnen häufig hinter Formalismen. So ist ein Argument ein leicht wieder aufzuhebender Beschluss im Kulturausschuss des Wiener Gemeinderats (das zuständige Gremium für Straßenumbenennungen) aus der Mitte der 90er Jahre, der besagt, dass weitere Straßenumbenennung nicht vorgenommen werden.

Um dieses Verstecken hinter alten Beschlüssen beenden zu können, benötigt es politischen und medialen Druck von vielen Seiten. Dieser Blogeintrag soll ein Teil davon sein und Aufmerksamkeit schaffen!

Die Gefahr der Burschenschaften

Zur politischen Betätigung der Burschenschaften stellte das Innenministerium 1999 in einem Bericht fest, dass von mehreren österreichischen Burschenschaften ein unterschwelliger und verklausulierter Rechtsextremismus ausginge. Es wäre auch der Versuch zu erkennen, auf Umwegen eine gewisse Akzeptanz für nationalsozialistisches Gedankengut zu schaffen. Mehr dazu im folgenden Artikel:

Die Universität ist ein traditionelles Betätigungsgebiet der extremen Rechten, bereits seit dem 19 Jahrhundert. Zum besseren Verständnis soll kurz dargestellt werden, woher die Burschenschaften stammen. 1815 kam es zu der Gründung der Jenaischen Burschenschaft, oft als Urburschenschaft bezeichnet. 1818 dann zu der Gründung der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft (einem Zusammenschluß der bestehenden Burschenschaften). Die entstandenen Männerbünde sind im Wesentlichen als eine Gegenbewegung zum „verweichlichten“ Adel zu begreifen, was sich schon bei der Gründung der deutschen Turnerbewegung durch Friedrich Jahn zeigte. Andererseits sind Burschenschaften auch als Reaktion auf die bürgerlichen Revolutionsbewegungen zu sehen. Diesen Bewegungen wurde „Volkstumslosigkeit“ und „jüdelndes Weltbürgertum“ vorgeworfen. Den bürgerlichen Bestrebungen und deren Idee der Nation setzten die Burschenschaften eine geistig-kulturelle und dann rassische Einheit gegenüber. Ein weiterer wichtiger „Auslöser“ ist die napoleonische „Fremdherrschaft“, gegen die sich unter anderem deutschnationale Gruppierungen widerstrebten und die dann mit der Schlacht von Leipzig ein Ende nahm.

Am 18.10.1817, dem Jahrestag dieser Schlacht, versammelten sich Burschenschafter zahlreicher Universitäten auf der Wartburg. (Auch heute gibt es noch Wartburgfeste) Dort wurden Grundsätze für die Burschenschaften gefasst. Unter anderem „die christlich-deutsche Ausbildung einer jeden leiblichen und geistigen Kraft zum Dienste des Vaterlandes“.

Dieses Treffen gipfelte schließlich in der ersten deutschen Bücherverbrennung, bei der schon darauf hingewiesen wurde, welche Bücher von JüdInnen geschrieben wurden. Diese Tradition des Antisemitismus setzte sich in dem so genannten Arierparagraphen fort, der schon 1820 gefordert wurde, um die „vaterlandslosen Juden“ ausschließen zu können. Offiziell wurde dieser Paragraph 1896 formalisiert. Dieser Paragraph wurde übrigens auch nach 1945 verteidigt.

Wichtig erscheint zude, die Rolle der Burcshenschaften im NS. „Das große Verdienst der deutsch eingestellten studentischen Korporationen Österreichs besteht darin, dass sie sich in der Zeit des Kampfes restlos in den illegalen politischen Aufbau eingefügt haben. Jede Körperschaft bildete einen in sich geschlossenen Kampftruppenteil.“, so der Rektor der Uni Wien 1938.

Die praktisch widerstandslose Gleichschaltung der Universitäten im Jahr 1938 konnte nur funktionieren, da die österreichischen Universitäten ohnehin spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts einen aggressiven Deutschnationalismus und Antisemitismus betrieben hatten.

Nach dem Anschluss lösten sich die Burschenschaften dann feierlich selbst auf und gliederten sich in den NSDStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund) ein. Die Burschenschaft Olympia, erinnert sich in einer Schrift zu ihrem 130jährigen Bestehen (1989) daran. Bei „der eindrucksvollen Feier im großen Konzerthaussaal anlässlich der Überführung der waffenstudentischen Korporationen in die Gliederungen der NSDAP wurden die Farben das letzte Mal in der Öffentlichkeit getragen.“

In diesem Sinne wird die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus noch heute oft als Vaterlandverrat gesehen. Noch heute begehen die meisten Burschenschaften den 8. Mai als Tag der totalen Niederlage. So fand man unter den Alten Herren der ab! Arminia auch den NS-Kriegsverbrecher Ernst Kaltenbrunner. 1987 schlug der Dachverband „Deutsche Burschenschaften in Österreich“ sogar Rudolf Hess zum Friedensnobelpreis vor, um zwei Beispiele zu nennen. Offiziell gab es 1995 eine Distanzierung von Seiten der FPÖ, das ist aber eher als Lippenbekenntnis zu betrachten, was auch die Nominierung der österreichischen Universitätsräte zeigt. Vor allem liegt die Distanzierung wohl daran, dass die AULA in Verbindung mit den Briefbombenanschlägen gebracht wurde und im Sommer 1995 der Aula-Verantwortliche nach dem NS-Verbotsgesetz verurteilt wurde. In der Aula wurde u.a. des Öfteren auch für revisionistische Publikationen geworben. Bevor er „Zur Zeit“-Chef wurde, war Andreas Mölzer der Verantwortliche für die Zeitung des FAV (Freiheitliche Akademikerverbände)

Friedrich Stefan, von der blau-schwarzen Bundesregierung zum Universitätsrat an der Uni Wien ernannt, kommt aus der Olympia-Burschenschaft. Er ist nur einer der rechtsextremen Uniräte (neben seinem prügelnden Kollegen Peter Weiß, Unirat an der Kunstuni Linz, der vor der Uni Wien einen Photographen attackierte und bei einem außergerichtlichen Tatausgleich dafür 630 Euro bezahlte) In der schon erwähnten Festschrift 1989 ist von ihm folgendes zu lesen: „In Österreich stellt der Kampf gegen die so genannte ‚österreichische Nation’ eine neue Form des Volkskampfes dar. Die nach 1945 neu propagierte ‚Nation’ wird als bewusster und gewollter Gegensatz zur Deutschen Nation verstanden, der mehr als 90 % aller Österreicher trotz der Einbürgerung fremdvölkischer Menschen in den letzten Jahren nach wie vor angehören.“

Trotz der Tradition und der Beispiele kann man die Burschenschaften nicht pauschal in ein rechtsextremes Eck stellen. Als die Olympia 1996 den Vorsitz im Dachverband DB (Deutsche Burschenschaft) übernahm, traten gemäßigtere Verbindungen aus.

Burschenschaften sind im Allgemeinen schwierig rechtlich zu belangen, da sie rigide Aufnahmekriterien haben und die meisten Veranstaltungen im inneren Kreis abhalten. Dadurch sind Einblicke kaum möglich. Dennoch sind immer wieder amtsbekannte Neonazis in die Verbindungen eingetreten.

Heute spielen Burschenschafter, abgesehen von der ideologischen Arbeit, nicht mehr die Rolle, die sie in ihrer Blütezeit hatten. 1952 wurde der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) gegründet, dem auch Norbert Burger vorstand und der das legale Betätigungsfeld der Burschenschafter war. Bei dem ersten Antreten bei ÖH-Wahlen konnte der RFS 32 Prozent erreichen. Er blieb bis 1974 zweitstärkste Fraktion. Erst nach der Öffnung der Uni für breitere Schichten (Abschaffung der Studiengebühren) wurden die Eliteorganisationen nach und nach zurückgedrängt. Bei der letzten ÖH-Wahl bekam der RFS ein Mandat.

Dieser Artikel ist ein geringfügig geänderter Text, den ich vor ca. zwei Jahren verfasst habe und der unter folgendem Link veröffentlicht wurde: http://www.gegenrechts.at/cms/uploads/2008/10/rechtsext_brosch_klein.pdf

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